Wie die Welt von morgen aussieht

von | 13. Mrz 2023 - 08:37 | Kutzers Corner

Welt im Wandel, Zeitenwende – Politiker und Wissenschaftler argumentieren immer öfter mit diesen gewaltigen Begriffen. Kein Zweifel, viele strukturelle Veränderungen sind längst im Gang, andere stehen bevor. Die politischen Weichenstellungen brauchen Zeit – oft zu lang –, was den Blick in die Zukunft erschwert.

Die Welt, wie wir sie kennen, verändert sich. Die Weltwirtschaft nimmt eine neue Gestalt an und erfordert andere politische Maßnahmen als in den vergangenen Jahrzehnten, um mit den Herausforderungen nach der Pandemie umzugehen. Die Strategen von Goldman Sachs Asset Management (GSAM) untersuchen aus diesem Grund, wie die Welt von morgen aussehen dürfte. Vom derzeitigen Wendepunkt aus gesehen werden fünf wichtige strukturelle Entwicklungen identifiziert, die für grundlegenden Wandel sorgen werden: Deglobalisierung, Digitalisierung, Dekarbonisierung, Destabilisierung und demografische Entwicklungen. Dazu im Folgenden Ausschnitte aus der Studie:

Mehr Konflikte, neue Allianzen

Durch die unaufhaltsam steigenden Energie- und Lebensmittelpreise sowie neu entstehende Wirtschafts- und politische Allianzen haben sich einige dieser Trends beschleunigt. Fragen wie die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette und mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit rücken aufgrund von geopolitischen Veränderungen besonders in den Fokus und werden einen Prozess der teilweisen Deglobalisierung verstärken. Die Destabilisierung läuft und verändert bilaterale Beziehungen. Mehr Konflikte werden voraussichtlich neue Handelsmuster und Allianzen entstehen lassen. Diese Entwicklungen werden sich unserer Ansicht nach auch auf die Geschwindigkeit und das Ausmaß von Dekarbonisierungsbemühungen auswirken, während demografische Entwicklungen und mehr Digitalisierung weiter die Art und Weise beeinflussen werden, wie politische Entscheidungsträger mit wichtigen wirtschaftlichen Herausforderungen wie Inflation umgehen. Es wird jedoch voraussichtlich länger dauern, bis diese drei „D”s zum Tragen kommen.

Das Investmentumfeld verändert sich

Dennoch sorgen die Veränderungen, die GSAM sieht, für ein ungewohntes Investmentumfeld. Das Jahrzehnt der niedrigen Inflation, niedrigen Zinsen und minimalen Marktvolatilität scheint vorbei zu sein. Heute nimmt die Bedeutung von Risikomanagement zu, während die Erkennung von Mustern eventuell nur noch begrenzt nützlich ist. „Welche Auswirkungen diese Entwicklungen konkret auf die Industriepolitik, den Handel oder die Geld- und Fiskalpolitik haben werden, wissen wir noch nicht, aber wir gehen davon aus, dass eine sich wandelnde Weltordnung die verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich beeinflussen wird.“

Gefahren einer wirtschaftlichen Spezialisierung

Die Coronavirus-Pandemie hat neue Aspekte der Globalisierung ans Licht gebracht. Zunächst hat sich gezeigt, wie abhängig Länder durch den ungehinderten Freihandel tatsächlich voneinander geworden sind. Die wirtschaftliche Spezialisierung und globalisierte Lieferketten wirkten deflationär, aber die regionale Spezialisierung, die damit einherging, machte Länder anfälliger für wirtschaftliche Schocks. Als die globale Produktion und der Welthandel 2020 wegen der Pandemie zum Stillstand kamen, waren ganze Volkswirtschaften so gut wie gelähmt. Produkte des täglichen Bedarfs verschwanden aus den Regalen und Verkaufsräumen, denn Störungen der Lieferketten führten zu Engpässen in der Automobilbranche, bei Halbleitern und Bekleidung, um nur einige der vielen betroffenen Branchen zu nennen. Gleichzeitig versuchte die Politik, die wirtschaftlichen Folgen der Schließungen zu mildern, indem sie massive geld- und fiskalpolitische Maßnahmenpakete schnürte. Dies trieb die Inflation nach oben. Der Ausbruch des Krieges zwischen der Ukraine und Russland, einem wichtigen Öl- und Erdgaslieferanten in Europa, hat noch Öl ins Feuer gegossen. Parallel dazu scheinen die angespannten Beziehungen zwischen den USA und China beide Länder veranlasst zu haben, in wichtigen Industriezweigen mehr Unabhängigkeit anzustreben.

Weniger Industrialisierung oder Re-Industrialisierung?

Ein Nebenprodukt einer Welt, die regionalisierter und immer polarisierter wird, könnte durchaus eine neue Welle der Reindustrialisierung sein, in der die Fiskalpolitik und staatliche Interventionen Anreize für Investitionen in bestimmten Sektoren schaffen. Dies könnte ein Silberstreif am Horizont für Länder sein, die zu sehr auf Spezialisierung gesetzt haben, wodurch länderspezifische und regionale wirtschaftliche Anfälligkeiten entstanden sind und sich die Einkommensungleichheit verschlimmert hat. Besonders in den Industrieländern gab es in den letzten Jahrzehnten einen enormen Wandel weg vom verarbeitenden Gewerbe und hin zu Dienstleistungen. Die aktuellen geopolitischen Entwicklungen und externen Schocks werden unserer Ansicht nach wieder die Argumente für die Produktion nahe beim Verbraucher stärken, denn Technologie, Automatisierung und Robotertechnik reduzieren die Arbeitskosten und ihren Anteil am Produktionsprozess. Dadurch verringern sich wahrscheinlich die Anreize für Unternehmen, ihre Produktion auszulagern. Eine derartige Veränderung – von ungehindertem Freihandel zu etwas, was man als strategisch optimalen Handel beschreiben könnte – entspricht möglicherweise eher der sich verändernden geopolitischen Lage und kann wichtige wirtschaftliche Auswirkungen haben.

Eine besonders wichtige Auswirkung besteht darin, dass Volkswirtschaften resilienter gegenüber externen Schocks werden. Eine zu hohe Konzentration auf eine Branche kann die industrielle Vielfalt eines Landes und seine Fähigkeit, externe Schocks und Rezessionen zu überstehen, beeinträchtigen. Dies wurde während der globalen Finanzkrise von 2007 bis 2009 offensichtlich, und zwar vor allem in bestimmten europäischen Ländern. Den USA hingegen gelang es, sich schneller von der Finanzkrise zu erholen, was sie in erster Linie ihrer größtenteils diversifizierten Wirtschaft und begrenzten Abhängigkeit vom Außenhandel verdankte.

Empfehlungen für die Anleger

Die Asset Manager von Goldman Sachs kommen zu folgenden Empfehlungen für Anleger: Angesichts der aktuellen weltwirtschaftlichen Veränderungen und der damit verbundenen Unsicherheit und Volatilität der Finanzmärkte sollten Anleger in Betracht ziehen, ihre Portfolios breiter zu diversifizieren. Anleger, die die Chancen, die durch diese Veränderungen entstehen, nutzen und gleichzeitig ihre Portfolios vor Marktturbulenzen schützen möchten, brauchen einen neuen Ansatz. Der sollte auf einer ganzheitlicheren Beurteilung der Portfolioaufteilung mit mehr Fokus auf Risiken beruhen. Zudem empfehlen sich Anlageklassen, die in einer sich schnell verändernden Weltwirtschaft potenziell besser abschneiden können, wie z.B. Technologie, erneuerbare Energien und andere Bereiche, die von den aktuellen Trends wie Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischen Veränderungen profitieren. Anleger sollten überdies auch die Entwicklung der geopolitischen Veränderungen genau im Auge behalten und ihre Anlagestrategien entsprechend anpassen.

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