Wenn die Risiken unterschätzt werden

von | 7. Nov 2022 - 08:33 | Kutzers Corner

Inflation, Zinsen, Konjunktur – welche Faktoren werden die Börsen in den kommenden Monaten entscheidend beeinflussen? Die Antworten sind uneinheitlich. Und die Kurserholung seit September weckt den Verdacht, dass manche Risiken von den Investoren unterschätzt werden.

Der Winter naht – kalendarisch betrachtet eine Banalität. Während sich allerdings auf der Nordhalbkugel der Winter tatsächlich nähert, ist diese Feststellung ökonomisch besehen deutlich diffiziler: Die Frage ist nicht, ob er kommt, sondern wie hart er ausfällt. Entsprechend dürfte sich die Nachfrage nach Energie, und hier vor allem nach Gas, entwickeln. Die Jahreszeit wird zum Börsenfaktor. Wird sie auch schon er von den Anlegern ausreichend gewürdigt? Zweifel sind angebracht. Überhaupt sollte die robuste Kursentwicklung der vergangenen Wochen nicht überbewertet werden: Für alle kursrelevanten Einflüsse gibt es mittlerweile unterschiedliche Bewertungen und Prognosen.

Im Winterhalbjahr gibt dies insbesondere für Energie mit ihren Folgewirkungen. Anders als bei Öl gibt es bei Gas keinen Weltmarkt, wie sich z. B. an den unterschiedlichen Handelsplätzen und ihren dortigen Gaspreisen zeigt. Da es an Pipelines zwischen den Kontinenten fehlt, kam es, bedingt durch den Ausfall russischer Gaslieferungen, zu einem Angebotsschock auf dem alten Kontinent. Die Folge ist ein gewaltiger Aufschlag auf den Gaspreis für Europa. Das bedrängt die Industrie, welche sich einem gehörigen Preisschock mit Lieferunsicherheiten gegenübersieht, genauso wie den Konsum, da Kaufkraft abgeschöpft wird. Insofern bleibt der Winterverlauf ein Unsicherheitsfaktor für Konjunktur und Inflation, der nur durch den Ausbau von Kapazitäten, wie z. B. LNG-Terminals, abgemildert werden kann.

Konjunkturverläufe nicht im Gleichschritt

Allerdings sollte auch nicht übersehen werden, dass der Ölpreis, besonders der für die USA so wichtige WTI, seit Juni im Trend zurückgegangen ist. Die für Europa wichtigere Sorte Brent hat dies fast im Tandem mitvollzogen. Gleichzeitig ist der Aufschlag auf den europäischen Gaspreis ebenfalls gesunken. Von der Normalität sind wir noch deutlich entfernt, aber dies sind mehr als nur Hoffnungszeichen. Hoffnungszeichen, die dann auch wieder die Konjunktur entlasten sollten. Sie hat es nötig. Hier haben sich die winterlichen Vorzeichen deutlich verstärkt: Der „Macro Breadth Index“ von Allianz Global Investors (AllianzGI) der die konjunkturelle Entwicklung rund um den Globus erfasst, hat sich weiter abgeschwächt, während gleichzeitig die Wachstumserwartungen weiter zurückgenommen wurden. Die Rezession in Europa scheint so gut wie im Kasten zu sein.

Die US-Wirtschaft dagegen zeigt sich als widerstandsfähiger. Winter is coming – der Winter naht, das mag stimmen, aber es gilt auch: Auf jeden Winter folgt ein Frühling. Das sollte durchaus auch für die Finanzmärkte gelten. Nicht zuletzt die Energiepreise könnten ein Anzeichen dafür sein. Aber auch die Tatsache, dass viele Stimmungsindikatoren bereits eine Eiszeit vorwegnehmen. Was bereits antizipiert wird, kann kaum noch negativ überraschen.

Aus taktischer Sicht vorsichtig bleiben

Während die Weltkonjunktur ihren Zenit überschritten hat, eine Rezession in Europa kaum noch abwendbar erscheint und auch die Rezessionswahrscheinlichkeit für die US-Wirtschaft gemäß hauseigenen Modellen gestiegen ist, mehren sich in jüngster Zeit die Anzeichen für einen überschrittenen Scheitelpunkt bei der Gesamtinflationsrate. Im Gegensatz zur Gesamtinflation beschleunigt sich die globale Kerninflationsrate allerdings weiter. Das dürfte die großen Zentralbanken, mit der wichtigen Ausnahme der People’s Bank of China (PBoC), dazu veranlassen, ihre falkenhafte Grundhaltung beizubehalten. Aus taktischer Sicht liegt bei weiter bestehenden geopolitischen Unsicherheiten eine weiterhin vorsichtige Allokation nahe.

Wer mittel-/langfristig investiert, blickt auf die bereits deutlich negative Stimmung, die sich in den Konjunktur- wie in den Marktindikatoren widerspiegelt. Der jüngste, globale „Fund Manager Survey“ der Bank of America weist gleich mehrfache Stimmungstiefs aus. Die Erwartungen an die makroökonomische Entwicklung sei geradezu kollabiert, so die Umfrage. Die Fondsmanager hätten kapituliert. Ihre Übergewichtung an Cash bei einer gleichzeitigen Untergewichtung des Aktienanteils bewege sich in einem „Es-kann-nicht-mehr-schlechter-werden“-Territorium. Die Märkte scheinen eine Eiszeit vorauszusehen statt eines auf den Börsenwinter folgenden Frühlings. Das könnte schnell zum Kontraindikator werden, glaubt Hans-Jörg Naumer Chefstratege von AllianzGI.

Wird die Inflation vielleicht unterschätzt?

Überraschend sind die Ergebnisse von Untersuchungen zur Inflationsentwicklung. Neue Umfragen vom europäischen ETF-Anbieter Tabula Investment Management zeigt nämlich, dass nur 40 % von professionellen Anlegern über die inzwischen erreichte Höhe der Teuerung „sehr besorgt” sind. Die Mehrheit der befragten Investoren (78 %) erwartet, dass die US-Inflation schon bis 2024 das Ziel der Federal Reserve erreicht, und somit auf 2 Prozent fallen wird. Erstaunlicherweise rechnen 65 % der Befragten auch damit, dass die Inflation in Großbritannien in den nächsten zwei Jahren auf 2 Prozentpunkte sinkt. Auf ähnliche Weise erwarten 70 % der Befragten, dass sich die Inflationsrate in der Eurozone innerhalb der kommenden zwei Jahre auf unter 2 Prozent belaufen wird.

Steigende Inflationsraten und Zinssätze sind für Investoren eine erhebliche Herausforderung, meint Michael John Lytle, CEO von Tabula Investment. Jedoch ist die größte Sorge, dass viele Vermögensverwalter und Pensionsfondsmanager unter Umständen unterschätzen, wie hartnäckig die aktuellen Inflationsraten sein können. Verschiedene Preistreiber wie Energie- und Lebensmittelpreise sowie die dramatische Umkehr der Globalisierung werden höchstwahrscheinlich nicht in dem Tempo nachlassen, wie viele von den Umfrageteilnehmern es annehmen. Viele professionelle Anleger werden möglicherweise später feststellen, dass sie nicht inflationsgeschützt genug angelegt haben.

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