Wenn der Konjunktur die Energie ausgeht

von | 27. Jun 2022 - 08:06 | Kutzers Corner

Der Ifo-Index fällt, die Sorge über die Konjunktur steigt. In den letzten Tagen hat sich das Grübeln der Fachwelt über den Verlauf der Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr verschoben. Konjunktur und Inflation stehen jetzt eindeutig im Mittelpunkt, nachdem Geldpolitik und Zinsen der Notenbanken lange Zeit alle anderen Einflüsse überschattet haben. So wie es momentan aussieht, driften die großen Wirtschaftsnationen auseinander, lässt also die Korrelation der Entwicklungen eher nach. Das wird sich in den Konjunktur- und Börsendaten zunehmend widerspiegeln. Beispiel: Nach Meinung internationaler Volkswirte beginnt in China der Wiederaufschwung, während in den USA die Rezessionsrisiken zunehmen.

Wirtschaftsindikatoren sind uneinheitlich

Die Konjunkturindikatoren sind wechselhaft und nach Ländern gemischt. Deshalb sind auch die Vorschauen uneinheitlich. Typisch ist folgender Tenor: Das Wirtschaftswachstum in den USA und in Europa schwächt sich merklich ab und die Rezessionsrisiken steigen, während in China der Anfang eines Aufschwungs zu beobachten ist. Erste Anzeichen für eine Belebung des chinesischen Immobilienmarktes sind laut Edgar Walk, Chefvolkswirt Metzler Asset Management, ebenfalls gegeben. In Europa treffen die hohen Energie- und Lebensmittelpreise die Konsumenten hart und scheinen zur Verunsicherung beizutragen. Auch kämpfen die Unternehmen mit einer unsicheren Energieversorgungslage. Die Inflation dürfte in diesem Monat deshalb weiter ansteigen.

Ifo-Index dreht nach unten

Nach zwei Anstiegen in Folge sinkt der Ifo-Index im Juni (was nicht alle erwartet hatten). Damit trübt sich die Stimmung in Deutschlands Unternehmen zunehmend ein. Auch wenn sich die aktuelle Lage laut der Umfrage nur marginal verschlechtert hat, zeigt der deutliche Rückgang bei den Erwartungen, dass in den kommenden Monaten der konjunkturelle Gegenwind zunehmen dürfte. Das ohnehin schon fragile Umfeld mit steigendem Kostendruck und großen Lieferkettenproblemen erhält durch die gedrosselten russischen Erdgaslieferungen in der vergangenen Woche nun einen weiteren Dämpfer. Dabei ist die von Bundeswirtschaftsminister Habeck ausgerufene zweite Alarmstufe für die Gasversorgung von der Umfrage noch gar nicht erfasst worden. Klar ist nach Einschätzung der DZ Bank, dass ein Ausfall bei der Gasversorgung eine „schwere Rezession“ zur Folge hätte. Damit könnten der deutschen Wirtschaft unruhige Zeiten bevorstehen.

Erwartungen deutlich pessimistischer

So ist die Stimmung in unserer Wirtschaft im Einzelnen und nach Branchen: Die Unternehmen zeigten sich bei der jüngsten Ifo-Umfrage etwas weniger zufrieden mit der aktuellen Geschäftslage. Die Erwartungen fielen deutlich pessimistischer aus. Steigende Energiepreise und die drohende Gasknappheit bereiten der deutschen Wirtschaft große Sorgen. Im Verarbeitenden Gewerbe hat der Index einen deutlichen Dämpfer erhalten. Die Unternehmen bewerteten die aktuelle Lage etwas schlechter. Zudem blicken sie merklich pessimistischer auf das zweite Halbjahr. Insbesondere die chemische Industrie ist höchst beunruhigt. Im Dienstleistungssektor hat sich das Geschäftsklima merklich verbessert. Dies war auf deutlich weniger skeptische Erwartungen zurückzuführen. Die Dienstleister bewerteten die aktuelle Lage etwas besser. Das Gastgewerbe erlebt einen guten Sommer. Transport und Logistik blicken hingegen pessimistisch auf das zweite Halbjahr. Im Handel hat der Indikator stark nachgegeben. Die Händler sind deutlich weniger zufrieden mit den laufenden Geschäften. Die Erwartungen fielen auf den niedrigsten Stand seit April 2020. Groß- und Einzelhändler blicken äußerst sorgenvoll auf die kommenden Monate. Im Bauhauptgewerbe stieg das Geschäftsklima.

Öl und Kupfer als Rezessionsvorboten?

Die Strategen der Deutsche Bank nehmen wichtige Rohstoffe unter die Lupe. Die Kupfer- und Ölpreise gelten als Frühindikatoren für einen wirtschaftlichen Abschwung beziehungsweise Aufschwung. Nachdem Anfang März die Kupferpreise auf einem Rekordhoch gehandelt wurden, setzten diese zunächst wegen der Lockdowns in China deutlich zurück. Nach einer kurzen Erholungsphase keimten Sorgen hinsichtlich der globalen Konjunkturentwicklung auf, weshalb Kupfer seit dem 8. Juni um 12f Prozent auf ein 16-Monats-Tief sank. Die Preise für Industriemetalle stehen generell unter Druck. Zinn – dessen Preis sich 2021 noch verdoppelt hatte – fiel zeitweise steil nach unten. Auch Öl gab innerhalb der letzten Tage deutlich nach. Sollten sich die Rezessionsängste als übertrieben herausstellen, dürften diese Rohstoffe jedoch allesamt wieder Aufwärtspotenzial aufweisen. Die Nachfrage nach Industriemetallen sollte insbesondere aus China wieder stark zunehmen.

Das kommt in der neuen Woche auf uns zu

Deshalb dürften neue chinesische Konjunkturdaten international stark beachtet werden. Die Corona-Beschränkungen in China sind seit Anfang Juni deutlich reduziert worden. Die Industrieproduktion hatte sich schon im Mai wieder deutlich von ihrem April-Einbruch erholt, da es gelungen war, viele Betriebe trotz der eingeschränkten Bewegungsfreiheit wieder in Gang zu bringen. Im Juni dürfte es daher zu einem weiteren Anstieg des offiziellen Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe gekommen sein.

Die Konsumausgaben der privaten US-Haushalte haben sich in den vergangenen Monaten angesichts der hohen Preisbelastung relativ gut entwickeln können. Allerdings ging dies zu Lasten einer deutlich niedrigeren Sparquote. Daher ist der Ausblick für die kommenden Monate auch unabhängig vom Ausmaß der geldpolitischen Straffung getrübt

Nach diesen Daten am Donnerstag kommen am Freitag die neuen Inflationszahlen für Europa. Die Prognosen sind unterschiedlich, teilweise wird für die Teuerung im Euroraum mit 8,5 % erneut ein Allzeithoch erwartet. Die zuletzt starken Preisanstiege sowohl bei Industriegütern als auch bei Lebensmitteln spiegeln die Weitergabe höherer Kosten für Energie, sonstige Rohstoffe und Transport wider und dürften sich daher vorerst fortsetzen. Die Preise von Dienstleistungen sind ebenfalls nach oben gerichtet, wenn auch in einem geringeren Ausmaß. Hier sind aufgrund saisonaler Einflüsse überdurchschnittlich starke Preiserhöhungen bei Pauschalreisen, Hotelübernachtungen und Flugtickets möglich.

2030 oder 2050 Klimaneutralität