Rohstoffe bleiben begehrt – langfristig

von | 25. Jul 2022 - 08:07 | Kutzers Corner

Schwächeanfälle von Rohstoffen sind in aller Regel vorübergehender Natur. Gerade bei geopolitischen Konflikten und lahmender Weltwirtschaft zeigen sich aber unterschiedliche Folgen für Rohöl, Kupfer & Co. Denn die Preisentwicklungen sind nicht nur Ausdruck kurzfristiger Angebots-/Nachfrageschwankungen seitens der Industrie, sondern können parallel zum Börsengeschehen auch von den Kapitalanlegern ausgelöst werden.  

Das Auf und Ab von klassischen Industrierohstoffen findet in der breiten Presse nur am Rande größere Beachtung – von Energierohstoffen abgesehen. Anders bei erfahrenen und institutionellen Investoren, wo die „Multi-Asset-Strategie“ seit Jahren von mehr Akteuren praktiziert wird. Kein Wunder, dass sich globale Giganten auch analytisch mit solchen Märkten beschäftigen. Die schweizerische UBS Asset Management hat eine aktuelle Betrachtung mit dem Titel „Vieles spricht jetzt für Rohstoffe“ vorgelegt, aus der ich zitiere.

Spekulative Positionen wurden abgebaut

Das erste Halbjahr 2022 hat gezeigt, dass Rohstoffe und rohstoffgebundene Aktien für den Aufbau widerstandsfähiger Portfolios in einem hochinflationären Umfeld von entscheidender Bedeutung sind. Allerdings sind diese Anlagen sehr volatil und haben in den letzten Wochen einen erheblichen Kursabschlag verbucht. Jetzt, da die spekulativen Positionen reduziert wurden, können sich die aktuellen fundamentalen Marktfaktoren wieder durchsetzen, so die Überzeugung der Strategen.

Rohstoffmärkte sind in der Regel weit weniger zukunftsorientiert als Aktien und längerfristige Anleihen, da sie die aktuellen Angebots-/Nachfragebedingungen widerspiegeln. Daher können sich diese Engagements in einem spätzyklischen Umfeld, in dem sich die Nachfrage verlangsamt, aber positiv ist, gut entwickeln. Dies gilt, solange das Angebot begrenzt bleibt. „Wir denken, dass Rückschläge Kaufgelegenheiten darstellen, solange der Beginn einer Rezession nicht unmittelbar bevorsteht“, schreibt UBS Asset Management. Aber genau das ist derzeit umstritten, geschätzte Anleger.

Nachfrage durch Dekarbonisierung getrieben

Mittelfristig wird die Nachfrage nach Rohstoffen – insbesondere nach Kupfer – wahrscheinlich steigen müssen, damit die Länder sowohl ihre Energieunabhängigkeit sichern als auch ihr Energiesystem dekarbonisieren können. Das potenzielle Ausmaß dieser erforderlichen öffentlichen und privaten Investitionen verleiht den Rohstoffpreisen einen stabileren Boden, der die traditionellen zyklischen Risiken etwas ausgleichen könnte. „Unserer Ansicht nach verlangsamt sich die Weltwirtschaft, aber nicht so stark, dass es zu einem Nachfragerückgang kommt, bei dem die Rohstoffmärkte dauerhaft von einem Angebotsdefizit in einen Angebotsüberfluss kommen“, heißt es in der Analyse. Wichtig ist, dass China im Gegensatz zu fast allen anderen großen Regionen auf eine Konjunkturerholung vorbereitet ist.

Chinas Nachfrage stabilisiert

China ist die wichtigste Triebkraft für die Nachfrage nach vielen Rohstoffen, so dass diese positive Entwicklung die rückläufige Nachfrage der Industrieländer mehr als ausgleichen könnte. Außerhalb Chinas sind die politischen Aussichten dagegen derzeit gemischt. Einerseits haben die Zentralbanken aggressive Zinserhöhungen angekündigt oder begonnen, um die Konjunktur und insbesondere die Inflation abzukühlen. Andererseits haben sich die Finanzbehörden weitgehend für Subventionen entschieden, die eine Aufrechterhaltung der Energienachfrage ermöglichen, und nicht für Maßnahmen zur Energieeinsparung.

Das Angebot bleibt gedämpft

Eine stabile Nachfrage in Verbindung mit niedrigen Lagerbeständen bei Rohöl und raffinierten Produkten ist ein Faktor für höhere Ölpreise, wenn das Angebot nicht steigt. Die US-Schieferölunternehmen wollen nicht aggressiv expandieren, da sie der Rentabilität Vorrang vor dem Produktionswachstum einräumen. Fazit der Schweizer: „Wir sind der Meinung, dass eine Übergewichtung von Rohstoffen und rohstoffnahen Aktien trotz der weit verbreiteten Sorge über die Wachstumsaussichten immer noch sinnvoll ist.“

Gold enttäuscht die Erwartungen

Edelmetalle finden auch in der breiten Bevölkerung seit Menschengedenken großes Interesse. Sie sind (trotz aller Preisbewegungen) wertvoll und schön. In jüngster Zeit liefern Portfolio Manager im In- und Ausland skeptische oder gar kritische Beiträge zur Rolle von Gold. Angesichts der schweren Krisen und historisch hohen Inflationsraten hätte man eine Gegenbewegung des güldenen Metalls erwarten können – zugegeben, auch mich hat der zuletzt sogar nachgebende Goldpreis enttäuscht. Namhafte Vermögensverwalter schimpfen: Von einem wirksamen Inflationsschutz sollte man erwarten, dass er insbesondere in diesem Zeitraum profitieren kann, gerade wenn die Verbraucherpreisindizes in den USA, Großbritannien und der Eurozone für Entsetzen sorgen. Gold hat diese Erwartungshaltung nicht erfüllt, und das ist auch nicht neu. Und dann heißt es: Der Status von Gold als Inflationsabsicherung ist auch im historischen Kontext größtenteils ein Mythos.

Man muss kein grundsätzlicher „Gold-Gegner“ sein (das sind die mit dem Argument „Gold zahlt keine Dividende“), um als Anleger in diesen Tagen von den Edelmetallen enttäuscht zu sein, Denn gerade in diesem Jahr hat sich einmal mehr gezeigt, dass der Goldpreis die Eigenschaften nicht erfüllt, die sich viele Anleger wünschen würden. Ja, Gold ist nicht immer negativ mit Aktien und Anleihen korreliert. Das heißt, es kann sich so oder ganz ähjnlich wie die Wertpapiermärkte entwickeln. Grund: Edelmetall mit mehr denn je auch zu einem Spekulationsobjekt geworden. In meinen Augen ändert das aber nichts an seiner traditionellen Funktion als Sicherheitsspeicher im Depot. Gold ist das bessere Geld, ist wie eine Versicherung gegenüber großen Katastrophen, die noch schlimmer sind als eine Inflationsphase, wie wir sie gerade erleben. Mit Gold will der Käufer auf lange Sicht Werte sichern und keine Performance erzielen. Deshalb sollte Gold im Portfolio nicht mit anderen Rohstoffen konkurrieren, sondern eine Sonderrolle einnehmen.

2030 oder 2050 Klimaneutralität