Märkte vor weiteren Belastungsproben

18. Oktober 2021 | Kutzers Corner

Ob als Verbraucher oder Anleger – wer auf stabilere Finanzmärkte hofft, muss zunächst einmal Geduld investieren. Klare Trends der Kursentwicklung zeichnen sich aktuell auch für die zweite Oktoberhälfte nicht ab. Das Vertrauen der Märkte schwankt nach wie vor, ihr Weg bleibt holprig.

Große Herausforderungen bei der Verschiffung wichtiger Vorprodukte, Materialknappheit und hohe Rohstoffpreise treiben die Kosten der Industrie weiter in die Höhe. Momentan gibt es keine Anzeichen für ein Abklingen der Inflation. Die Fed hat bereits signalisiert, dass sie wahrscheinlich demnächst handeln wird – wenn auch in kleinen Schritten. Werden die Marktteilnehmer aber stärker (verunsichert) reagieren, wenn die Verschärfung der Geldpolitik in den USA tatsächlich kommt? Die Antwort bleibt spekulativ. Und in dieser Woche spielen die monetären Einflüsse mutmaßlich nicht die Hauptrolle.

Anlagestrategen setzen jetzt erst einmal auf bessere Fundmentaldaten der Unternehmen. Denn eine starke Gewinnsaison könnte dazu beitragen, die Anleger zu beruhigen. Dabei dürfte Im Fokus stehen, wie sich der Druck in den Lieferketten auf die Rentabilität auswirkt – und welche Möglichkeit die Unternehmen haben, höhere Kosten weiterzugeben. In den nächsten Tagen steht vor allem ein Datenreigen aus den USA (fürs 3. Quartal) an. Von der Industrie werden neben den Produktionszahlen regionale Stimmungsindikatoren veröffentlicht. Daneben gibt es einige Daten aus dem Bausektor bzw. zum Immobilienmarkt. In China wird das Bruttoinlandsprodukt für das dritte Quartal ein wohl nur verhaltenes Wachstum zeigen. Angesichts einiger Probleme, u.a. um den Immobilienentwickler Evergrande, sind die Erwartungen recht pessimistisch – womöglich zu pessimistisch, wie erfahrene Analysten hoffen. In Europa stehen die Einkaufsmanagerindizes auf der Agenda. Die Produktionsschwierigkeiten aufgrund der Knappheiten dürften die Stimmung dämpfen. Die gewöhnlich eher wenig beachteten Erzeugerpreise aus Deutschland bleiben voraussichtlich bei klar zweistelligen Zuwächsen und verdeutlichen die angespannte Lage.

Was früher exklusiv für die USA mit der Wall Street galt, bezieht heutzutage den Gegenpol ein: Kein Tag vergeht ohne einen Blick auf die Nachrichtenlage im Reich der Mitte. Die Veröffentlichung zum Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in China im dritten Quartal dürfte den Eindruck der konjunkturellen Abkühlung der letzten Monate bestätigen. Dazu trägt auf der einen Seite die Null-Covid-Strategie Chinas bei, aufgrund derer bereits kleine Corona-Ausbrüche größere wirtschaftliche Auswirkungen haben können. Auf der anderen Seite schlagen die neue Regulierungswellen der chinesischen Regierung zu Buche sowie die Krise einiger Immobilienentwickler und die Energieknappheit, die bereits zu Produktionsausfällen in der Industrie geführt hat. Die DekaBank erwartet eine Verlangsamung der Wachstumsdynamik auf 0,3 % gegenüber dem Vorquartal bzw. 5,1 % gegenüber dem Vorjahr.

Trotz der nachlassenden Konjunkturdynamik im Sommer sind klare Anzeichen für eine Inflationsbeschleunigung zu erkennen. Im Euroraum, in Großbritannien, den USA, Japan und zahlreichen Schwellenländern übertrifft der Preisauftrieb die Prognosen der Experten deutlich. Umfragen zufolge gehen die meisten Fondsmanager nach wie vor davon aus, dass die Inflation nur vorübergehend steigen wird. Doch stellen mittlerweile einige unerwartet hartnäckige Faktoren die These in Frage, dass die Inflationsbeschleunigung nur vorübergehend sei. Dazu wird es in den nächsten Tagen wohl neuen Diskussionsstoff geben.

An den Aktienmärkten findet eine holprige Bodenbildung statt. Der Dax hat wiederholt nahe den gleitenden 200-Tage-Durchschnitten Unterstützung gefunden. Nachdem jedoch Anfang September noch die Mehrheit der Anleger „bullisch“ war, ist ihr Anteil jetzt auf 40% geschrumpft. Meinen die Strategen von Allianz GI: Die Konsolidierung könnte im weiteren Verlauf als Grundlage für die übliche saisonale Kursfestigung in den Monaten von November bis April dienen. Das ist plausibel, spricht insbesondere für die mittelfristige Aktienanlage. Insofern könnte der Börsenverlauf der kommenden Woche zum Test für Widerstandsfähigkeit in einem unsicheren Umfeld werden.


Wirtschaftsjournalist Hermann Kutzer beobachtet seit vielen Jahrzehnten das Börsengeschehen. Für Rohstoff.net gibt er regelmäßig einen Ausblick darauf , was in der neuen Woche für Anleger wichtig wird.

2030 oder 2050 Klimaneutralität
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