LED Volume: Die Film-Revolution hinter The Mandalorian

23. Februar 2022 | Technologien

Eine neue Special-Effects-Technik revolutioniert momentan die Filmwelt. Ihr Herzstück: Riesige, hochauflösende LED-Videowände, in denen Technologiemetalle wie Gallium und Indium verbaut sind.

Mit The Mandalorian erschien Ende 2019 auf dem Streaminganbieter Disney+ die erste Realserie im „Star Wars“-Universum. Der Weltraum-Western um einen einsamen Kopfgeldjäger und sein ebenso niedliches wie mächtiges Findelkind löste einen regelrechten Hype aus. „Die beste Star-Wars-Geschichte seit Langem“ befand nicht nur die Süddeutsche Zeitung: Ein Großteil der Kritiker und der Fans fühlte sich nach der kontroversen letzten Film-Trilogie wieder mit dem Franchise versöhnt.

Auch hinter den Kulissen glänzt die Serie mit Superlativen. Von den meisten Zuschauern unbemerkt, setzte sie bahnbrechende neue Standards in der virtuellen Filmproduktion. Denn beim Dreh kam zum ersten Mal die StageCraft-Technik alias The Volume zum Einsatz. Entwickelt wurde sie von Industrial Light & Magic (ILM), der Special-Effects-Schmiede der Star-Wars-Produktionsfirma Lucasfilm. Augenfälligster Part ist eine gewaltige LED-Videowand. Über sechs Meter hoch und mehr als 50 Meter breit, umgibt sie das Set in einem Dreiviertelkreis mit 23 Metern Durchmesser. Virtuelle Hintergründe werden darauf eingeblendet und dienen beim Filmen als Kulisse.

Dies erinnert auf den ersten Blick an eine Tricktechnik aus dem alten Hollywood: die Rückprojektion. Dabei spielen Darsteller vor einer Leinwand, auf die separat gedrehte Filmaufnahmen projiziert werden. Autofahrten wurden oft so inszeniert, wie in Hitchcocks To Catch a Thief (deutsch: Über den Dächern von Nizza). Doch ein genaueres Hinsehen entlarvte die zweidimensionale Montage recht schnell – spätestens, wenn sich die Kamera bewegte.

Intelligente Bilder reagieren auf die Kamera

Im Gegensatz dazu muten die Bilder im Volume nahezu intelligent an. Sie sind keine statischen Projektionen, sondern werden in Echtzeit erzeugt und interagieren dabei mit der Kamera. Schwenkt sie zum Beispiel nach links, passt sich der Hintergrund auf der LED-Wand perspektivisch korrekt ihrem Blickwinkel an, als würde sie eine echte Umgebung filmen. Möglich machen das Sensoren, die Ausrichtung und Position der Kamera verfolgen.

Die LED-Bildwand dient gleichzeitig als Set-Beleuchtung und liefert die gewünschte Lichtstimmung sowie realistische Reflexionen gleich mit. Per Mausklick lässt sich zudem jedes Detail der Kulisse manipulieren. Einzelne Felsen, Bäume, Gebäude wie auch komplette Landschaften können verschoben, der Stand der Sonne, Tageszeit und Wetter verändert werden – inklusive korrekten Licht- und Schatteneffekten.

Bahnbrechend: Die Bilder auf den LED-Wänden erschaffen eine perfekte Illusion. © & ™ Lucasfilm. The Mandalorian image courtesy of Industrial Light & Magic

Das erinnert nicht zufällig an ein Videospiel. Denn die Grundlage dieser Bilder bildet die sogenannte Unreal Engine, eine führende Software aus der Gamingbranche, mit der sich ganze künstliche Welten erschaffen lassen. Aus Millionen winzigster Dreiecke werden fotorealistische, interaktive 3D-Landschaften zusammengebaut, durch die Spieler ihre digitalen Figuren bewegen können.

Dennoch sind die meisten der Kulissen im Mandalorian nicht komplett computeranimiert. Sie basieren auf tausenden echten Aufnahmen, die vor den eigentlichen Dreharbeiten geschossen wurden. Wie das Fachmagazin American Cinematographer beschreibt, übertrug man für das bestmögliche Ergebnis Bilder von realen Landschaften, Gegenständen und Texturen auf virtuell erstellte 3D-Objekte. Die gleißende Wüstenwelt von Tatooine, Sorgans exotische Wälder und Sümpfe, die Lavaströme auf Nevarro – all das ist also eine raffinierte Computermontage. Aber die Illusion ist so perfekt, dass die LED-Wände für den Serienzuschauer nicht von einem echten Drehort zu unterscheiden sind.

Eine ganz neue Art des Filmemachens

Für die Entwicklung von StageCraft tat ILM sich neben Epic Games, den Schöpfern der Unreal Engine, mit einer Reihe weiterer Partner zusammen, darunter der Grafikkarten-Produzent NVIDIA und das Münchener Filmtechnikunternehmen ARRI. Einer der federführenden kreativen Köpfe war Mandalorian-Showrunner Jon Favreau. Er hatte bereits in früheren Filmen mit einzelnen Elementen der Technik wie LED-Beleuchtung und Game Engines experimentiert.

Ein Video von ILM, das Einblick in die Dreharbeiten der zweiten Mandalorian-Staffel liefert, zeigt, wozu die Technologie in der Lage ist. Dass praktisch jeder erdenkliche Drehort ins Studio geholt und nach Belieben wieder verändert werden kann, eröffnet nicht nur auf kreativer Ebene ganz neue Möglichkeiten. Auch wenn in die aufwendige Technik zunächst investiert werden muss: Im Volume zu drehen, vereinfacht die Logistik, spart Zeit sowie Kosten und reduziert zudem die CO2-Emissionen. Besonders Serienproduktionen, die verglichen mit Filmen weniger Budget und einen engeren Zeitplan haben, können von StageCraft profitieren. Nicht umsonst wird The Mandalorian vielfach als erste Serie bezeichnet, die wirklich Kinoqualität erreicht, etwa in einem Artikel der Washington Post.

Die StageCraft-Technologie hebt die virtuelle Filmproduktion auf ein neues Level und könnte den Greenscreen weitgehend ersetzen. © & ™ Lucasfilm. The Mandalorian image courtesy of Industrial Light & Magic

Die Arbeitsabläufe wurden effizienter, erklärt Favreau in dem Video, große Teile der Vor- und Nachproduktion fielen mit den eigentlichen Dreharbeiten zusammen. 30-50 Prozent mehr Drehbuchseiten pro Tag seien dadurch realisiert worden, eine „unglaubliche Verbesserung“. Teure Kulissenbauten entfallen ebenso wie aufwendige Reisen mit der ganzen Crew und tonnenschwerem Equipment. Der Schauplatz komme zu den Schauspielern und nicht umgekehrt, sagte Favreau gegenüber dem Hollywood Reportergerade in Corona-Zeiten ein enormer Vorteil, der den Fortgang der Dreharbeiten überhaupt möglich machte.

Das Ende der Greenscreen-Ära?

Eine weitere Kostenersparnis: Verglichen mit dem Greenscreen, der jahrzehntelang als Standard der digitalen Filmproduktion galt, verkürzt StageCraft den Produktionsprozess deutlich. Bei der Greenscreen-Technik – für die ILM übrigens auch Pionierarbeit leistete – spielen die Darsteller vor einer grünen (seltener blauen) Kulisse. Diese wird später am Computer entfernt und durch ein anderes Bild ersetzt. Das macht die Nachbearbeitung des Films jedoch teuer und langwierig. Auch, weil sich die grüne Farbe unschön auf Gesichtern, Kostümen und Requisiten wiederspiegeln kann. The Mandalorian mit Greenscreen zu inszenieren, wäre allein aufgrund der glänzenden Rüstung des Protagonisten kaum machbar gewesen. Das alles fällt bei StageCraft weg, weil Hintergrund, Beleuchtung und Reflexionen bereits beim Dreh perfektioniert werden. Nicht zuletzt können sich die Schauspieler freuen: Ihre Arbeit wird erleichtert, denn sie sehen die Umgebung, in der sie spielen, statt inmitten einer grünen Leere zu agieren.

Innerhalb kürzester Zeit lassen sich die Drehorte wechseln. So sparen Filmteams Zeit und Kosten.
(© & ™ Lucasfilm. The Mandalorian image courtesy of Industrial Light & Magic)

Kein LED Volume ohne Indium und Gallium

ILMs wegweisende Kreation wäre ohne Gallium und Indium nicht möglich, denn sie sind zentraler Bestandteil jeder LED-Technologie. Verbaut in Halbleiterverbindungen, lassen sich durch diese Metalle nahezu alle Farben und Lichtstärken darstellen. Die Branchenzeitschrift Film & TV Kamera kennt die technischen Details der Videowand, die im Mandalorian zum Einsatz kam: Genau 1.326 LED-Einheiten sind darin verbaut, ergänzt um zwei bewegliche Deckenmodule mit weiteren 132 Einheiten. Das ergibt viele Millionen einzelne Leuchtdioden mit kleinsten, aber für die Funktion unentbehrlichen Mengen an Technologiemetallen. Bei den LED-Bildschirmen handelt es sich um ROE Black Pearl BP2 Screens mit einem Pixelabstand von gerade einmal 2,84 Millimetern. Dadurch sollen mögliche Moiré-Effekte minimiert werden; jene störenden Streifen, die man oft auf Fotos von Bildschirmen sieht.

Die Zukunft des Filmemachens?

Bei dieser ersten LED-Bildwand ist es nicht geblieben. ILM hat die Technologie optimiert und mittlerweile mehrere Volume-Studios rund um den Globus in Betrieb genommen. Zu den Produktionen, die seitdem dort gedreht wurden, gehören die Star-Wars-Serien Boba Fett und Obi Wan-Kenobi, der Marvel-Blockbuster Thor: Love and Thunder sowie The Batman aus dem DC-Universum. Zusätzlich gibt es mobile StageCraft-Installationen, die überall aufgebaut werden können; George Clooney nutzte eine solche für seinen Netflix-Film The Midnight Sky. Andere Produktionsfirmen ziehen nach und bauen eigene Studios. Eine der größten europäischen LED-Festinstallationen befindet sich seit letztem Sommer im altehrwürdigen Potsdamer Studio Babelsberg. Mitgründer ist Dark Ways GmbH, das Produktionsunternehmen von Baran bo Odar und Jantje Friese, den Machern des Netflix-Hits Dark. Sie drehten hier ihre neue Mysteryserie 1899.

Die LED-Screens sind auf Expansionskurs. Auch wenn traditionelle Techniken wohl immer ihren Platz haben werden – schließlich nutzt selbst Mandalorian zusätzlich echte Kulissen und Greenscreen – entwickelt sich The Volume zum neuen Standard. Fachmedien wie Indiewire und Film & TV Kamera sprechen von einem Gamechanger, der die Zukunft des Filmemachens prägen wird. LED-Bildschirme – und mit ihnen kleinste Halbleiter aus Gallium oder Indium – haben eine weitreichende Revolution in Gang gesetzt.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Industrial Light & Magic

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