Kutzers Corner – Die Kolumne zum Wochenstart

11. Oktober 2021 | Kutzers Corner

Die Zeit der Sachwerte

Die weitverbreitete Diskussion über Inflationsraten und Zinsen wird sich in den nächsten Tagen fortsetzen. Dabei dürfte das Zinsthema für die Börsianer an Gewicht verlieren, während die Sorgen über die Wirtschaft und Konsum gefährdende Preissteigerungen eher noch zunehmen. Angesichts der hohen Inflation wird am Geldmarkt eine Zinserhöhung durch die Europäischen Zentralbank (EZB) fest eingepreist – aber erst per Ende 2022.

Für wen ist die Inflation noch erträglich, schon belastend oder gar schwer schädlich? Darauf kann es nur differenzierende Antworten geben. Tatsächlich ist die inzwischen auf gut 4 Prozent gestiegene Teuerungsrate bereits in den Geldbeuteln der Bürger angekommen – man denke nur an die Preise für Energie, Lebensmittel und Immobilien. Vor- und Nachteile beschert die aktuelle Entwicklung den Sparern und Anlegern.

Wie lang und wie weit die Inflation noch steigt, ist Spekulation. Seit Monaten schon diskutieren Fachwelt und Medien, ob der Anstieg der Verbraucherpreise längerfristig oder nur von vorübergehender Dauer sein wird. Die Mehrzahl der Experten, darunter auch Top-Repräsentanten der Notenbanken, sind überzeugt, dass in absehbarer Zeit die monatlichen Verbraucherpreis-Steigerungen wieder auf ein Normalmaß zurückgehen. Vielleicht schon gegen Jahresende, möglicherweise aber erst im Verlauf von 2022.

Die gegenwärtige Situation halte ich (noch) nicht für gefährlich. Der historische Vergleich sollte nicht erst vor zehn Jahren beginnen, sondern in früheren Extremphasen. In meinem Büro hängt eine Gedenktafel mit Briefmarken als „Dokumente einer irrsinnigen Zeit“. Das erste Postkartenporto aus dem Jahr 1920 beträgt 5 Pfennig Deutsches Reich. Im Jahr darauf springt es auf 100. Dann galoppiert das Porto auf 6 Reichsmark und 100 Mark im März 1923. Im April des gleichen Jahres stehen schon 300 Mark drauf, im Juli 3.000 und im Oktober 1 Million. Meine kleine Sammlung endet im Dezember 1923 mit der grünen Marke im Wert von 10 Milliarden Mark. Wirklich irre! Vergleichbares wäre heute unvorstellbar. Deshalb halte ich auch nichts von hysterischen Warnungen.

Aber Vorsicht! Die von den Zentralbanken lange als vorübergehend betrachtete Inflation ist offenbar doch nachhaltiger als ursprünglich angenommen. Der Boom im Zuge der Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit sorgte für zahlreiche Engpässe, höhere Rohstoffpreise und zum Teil erhebliche Lieferverzögerungen – und die Dauer und das Ausmaß dieser Preisanstiege erzeugen allmählich Nebenwirkungen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich die Verbraucherpreise zwischen etwa 2 und 4 Prozent einpendeln werden – wann auch immer.

Für Kapitalanleger und langfristige Sparer wäre das kein Problem. Denn sie können sich zu Gewinnern zählen. Seit Jahren gehöre ich zu den Befürwortern von Sachinvestments anstelle des klassischen Kontensparens – auch ungeachtet der für lange Zeit extrem niedrigen Teuerungsraten und Zinsen. Mein Plädoyer umfasst im Kern ein Trio aus Immobilien, Aktien und Gold. Dass der Goldpreis von der beschleunigten Teuerung in diesem Jahr noch nicht profitieren konnte, lässt viele Anleger ratlos zurück. Sie hatten im letzten Jahr eine Gold-Party gefeiert und sich auf weitere Kursgewinne gefreut. Doch dann kam eine unerwartete Gegenbewegung, die bis heute anhält. Aber es bleibt dabei: Gold ist seit über 5.000 Jahren der beste Inflationsschutz. Und wer dem Gold auch in schlechten Zeiten die Treue gehalten hat, wurde auf lange Sicht nicht enttäuscht.

Sachwerte waren jahrelang die Gewinner unter den Anlageklassen. Sie werden es auch bei höheren Inflationsraten bleiben.

Wirtschaftsjournalist Hermann Kutzer beobachtet seit vielen Jahrzehnten das Börsengeschehen. Für Rohstoff.net wird er demnächst regelmäßig einen Ausblick darauf geben, was in der neuen Woche für Anleger wichtig wird.

Beitragsbild: iStock/peterschreiber.media

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