(K)eine Zeitenwende

4. April 2022 | Kutzers Corner

Die Welt ist dabei sich zu verändern. Die unvorhersehbaren Folgen einer historischen Virus-Pandemie und eines Kriegs in Europa haben – insbesondere durch ihr zeitliches Zusammentreffen – Politik und Wirtschaft fest im Griff. Global und nachhaltig. Das zwingt Investoren aller Art zum Nachdenken. Es reicht also nicht mehr, wenn Anlagestrategen Erkenntnisse aus vergangenen Zyklen heranziehen. Wir alle müssen neue Erfahrungen machen.

Dazu gehört ein großes Wort, das die Bedeutung der neuen Ära eindrucksvoll umreißt: Zeitenwende. Der Begriff (bekannt aus Literatur und Politik) kann Angst und Mut zugleich verbreiten, weshalb er eigentlich näherer Erläuterung bedarf. Wir stehen aber erst am Anfang neuen Denkens. Das bedeutet weitaus mehr als unsichere Volatilität von Marktpreisen für Aktien und Rohstoffe. Denn solange sich die grundsätzlichen Veränderungen nicht durchgesetzt haben, bleibt der Horizont unklar und voller Fragezeichen.

Ein schlechter Jahresauftakt für Europa

Der marktbreite europäische Aktienindex Stoxx 600 beendete am Donnertag sein schlechtestes Quartal seit 2020, als der Ausbruch des Coronavirus die Börsen auf Talfahrt schickte. Seit Jahresbeginn hat er knapp 7 Prozent verloren und sich damit bereits deutlich vom Jahrestiefstand bei minus 17 Prozent erholt. Die Entwicklung der vergangenen Wochen mag sicherlich manchen Anleger überrascht haben, angesichts des andauernden Russland-Ukraine-Krieges, der Mehr-Jahres-Hochs bei Energiepreisen und Inflationsraten, der Leitzinsanhebungen in vielen Ländern und der erneuten Lockdowns in China. Allerdings können der von Aktien ausgehende Inflationsschutz, fehlende Renditealternativen infolge niedriger Realzinsen und stark gesunkene Bewertungen die Resilienz der Aktienmärkte erklären. Glauben die Strategen der Deutschen Bank: Vorausschauend dürfte die Erholung sicherlich an Tempo verlieren. Allerdings gilt der April als guter Aktienmonat: In den vergangenen 25 Jahren hat der Stoxx 600 im Schnitt 2,3 Prozent zugelegt und nur in sieben Jahren an Boden verloren.

Der Versuch eines Ausblicks auf die Märkte

Dass sich Volkswirte und Analysten in diesen Tagen schwertun, ihre Markteinschätzungen und Prognosen neu zu fassen, ist nur natürlich. Gerade in den zurückliegenden Jahren haben sich alle Akteure an wiederholte Korrekturen der wichtigsten Wirtschaftsindikatoren gewöhnen müssen (Wachstum, Inflation). Die Investmentexperten von Allianz Global Investors haben jetzt einen aktualisierten Streifzug durch die Märkte vorgelegt. Danach dürfte die Invasion der russischen Armee in die Ukraine eine Zeitenwende für die gesamte westliche Welt bedeuten. Auf diese neue Realität werden sich Anleger höchstwahrscheinlich nicht von heute auf morgen einstellen können – zu viele Fragen und Zielkonflikte müssen abgewogen und beantwortet werden. Was aber ist auf Sicht der nächsten Monate für Preise, Konjunktur und Märkte zu erwarten?

Eine Zeitenwende scheint sich bei den Inflationsraten abzuzeichnen. Der Preisauftrieb hat sich weiter verschärft: Schon vor der militärischen Eskalation in der Ukraine gab es viele Anzeichen für eine breitere und sich verstetigende Inflation. Diese dürften sich durch stark gestiegene Preise vor allem für Energie und Nahrungsmittel verstärken. Zumindest ist von einer später als ursprünglich erwarteten Normalisierung von Preissteigerungsraten auszugehen. Durch die Sanktionen gegen Russland könnte es zudem zu neuen Belastungen in den Lieferketten und auf Transportwegen kommen.

Aussichten für die Konjunktur eingetrübt

Auch von anderen  Experten wird dementsprechend vermutet: Der Konjunkturausblick hat sich eingetrübt. Gestiegene Preise schmälern das verfügbare Haushaltseinkommen für den Konsum, Unternehmen haben weniger Planungssicherheit und könnten Investitionsentscheidungen zurückstellen. Auf der positiven Seite sollte sich, trotz verbleibender Unsicherheiten im Umgang mit der Pandemie, in vielen Ländern eine dynamische Nachfrage nach Dienstleistungen im Bereich Freizeitgestaltung und Reisen entfalten. Zudem dürften die Ersparnisse aus den vergangenen Pandemiejahren die Belastungen durch gestiegene Preise zumindest teilweise abfedern. In der Summe ist auf Sicht der nächsten Monate eine weltweite Wachstumsverlangsamung, aber noch keine Rezession zu erwarten. Dies gilt auch für Europa, trotz einer deutlich stärkeren Verflechtung mit Russland und der Ukraine.

Eine Wachstumsverlangsamung sollte auch das Gewinnwachstum schmälern. Gingen die Schätzungen, beispielsweise für den europäischen Stoxx 600-Index, vor der Krise von etwa 9 % Gewinnwachstum für 2022 aus, könnte sich dies nun in Richtung stagnierender Gewinne entwickeln. Eine Gewinnrezession ist damit auch für Europa keine ausgemachte Sache, unter anderem aufgrund des ausgleichenden Effekts steigender Gewinne in Energie- und Rohstoffsektoren.

Keine Zeitenwende bei den Zinsen

Ein Dauerbrenner an den Börsen ist schon seit langem die umstrittene Geldpolitik der Zentralbanken – die stecken angesichts der erheblich gestiegenen Inflation und der wachsenden Abwärtsrisiken für die Konjunktur in einer Zwickmühle. Sowohl die Europäische Zentralbank als auch die Federal Reserve haben sich in den letzten Wochen zumindest verbal auf die Seite der Inflationsbekämpfung geschlagen. Beide Zentralbanken waren aber bis zuletzt sehr expansiv unterwegs, weshalb sie nun zügig und kräftig gegensteuern müssen – ein schwieriger Drahtseilakt. Der Weg zu einer nachhaltig inflationsdämpfenden Geldpolitik mit Zinsen über einem neutralen Niveau (für die USA wird dies beispielsweise bei etwa 2,5 % angenommen) ist weit. Genau dies bleibt der Hoffnungsschimmer für die Aktienmärkte und andere risikoreichere Vermögensklassen: Die Realzinsen, also die Zinsen abzüglich der derzeit hohen Inflationsraten, dürften noch auf längere Sicht negativ bleiben. Sachwerte wie Aktien sollten also trotz eines herausfordernden Umfelds mittelfristig gegenüber nominalen Vermögensklassen wie Staatsanleihen attraktiv bleiben. An dieser Stelle bleibt die Zeitenwende aus.

Es gibt also auch morgen keine Konkurrenz für sachorientierte Anlagen. Die Beteiligung an Unternehmen, dem Produktivkapital der Wirtschaft, bleibt also angesagt und kann durch Gold als „Sicherheitsspeicher“ unterstützt werden. Gesteigertes Interesse verdient dazu die völlig heterogene Gruppe der Nahrungsmittel- und Industrierohstoffe – insbesondere dort, wo anhaltende Lieferengpässe und andere Verknappungserscheinungen nachhaltige Sorgen bereiten.

2030 oder 2050 Klimaneutralität
Strombedarf Erneuerbare Energien