Kein Ende der Inflation in Sicht

2. Mai 2022 | Kutzers Corner

Meine Kernaussage vorweg: Uns drohen schlimme Zeiten, vielleicht passt dann der Begriff von einer „Zeitenwende“. Mein fester Optimismus hat in den vergangenen Tagen Risse bekommen. Das hat nur am Rande mit der Börse zu tun, wo die Aktienkurse zwar nervös wackeln, aber nicht abstürzen (was keine Überraschung wäre). Denn anders als zahlreiche Analysten befürchte ich eine Ausweitung des Ukraine-Kriegs mit ungeahnten Folgen. Das könnte eine weitreichende Änderung der bestehenden (demokratischen) Grundordnung bedeuten, die globalen Machtverhältnisse würden sich verschieben. Könnte. Sicher erscheint mir die Perspektive einer längeren Inflationsphase zu sein. Parallel dazu gewinnen Besitz, Handel und Verarbeitung von Rohstoffen volkswirtschaftlich an Gewicht. Und das weltweit.

Sind es Anzeichen von Feigheit, dass sich die meisten Banker hierzulande davor scheuen, öffentlich Stellung zur russischen Aggression zu beziehen? Kein Wunder ist so gesehen, wenn Analysten einer großen Frankfurter Bank in ihrer Wochenbilanz schreiben: „Der Aktienmarkt fürchtet hohe Zinsen mehr als den Ukraine-Krieg.“ Das verkennt und verdrängt die globalen Risiken. Andererseits verdienen Inflation und Geldpolitik auf allen Ebenen große Beachtung. Die unerwartete Teuerung hat inzwischen breite Bevölkerungskreise erreicht und beginnt den Alltag zu verändern.

Krieg verursacht Lieferengpässe bei Lebensmitteln

Die jüngsten Einschätzungen der Fachwelt dokumentieren die berechtigten Sorgen und Ängste in Verbindung mit anhaltend hohen Preissteigerungsraten. Die deutsche Inflationsrate zieht weiter an. Nach 7,3 Prozent im März liegt die Teuerung im April bei 7,4 Prozent. Das ist das höchste Niveau seit über 40 Jahren, eine höhere Teuerungsrate gab es zuletzt 1981. Wenig überraschend hat sich Energie im Vorjahresvergleich erneut kräftig verteuert, auch wenn der Preisanstieg etwas nachgelassen hat. Eine immer größere Rolle bei der Inflation nehmen Nahrungsmittel sowie Güter und Dienstleistungen ein, insbesondere bei den Lebensmitteln zeigt sich die unmittelbare Auswirkung des Ukraine-Kriegs. Es gibt vermehrt Lieferengpässe und die Erwartung, dass die Ernten vor allem in der Ukraine in diesem Jahr viel geringer ausfallen als sonst. Das stresst die Nahrungsmittelmärkte. Angesichts der weltweiten Lieferkettenproblematik und der Diskussion um die Energiesicherheit aufgrund des unklaren Fortgangs des Ukraine-Kriegs wird die Teuerungsrate auch in den kommenden Monaten auf hohem Niveau bleiben. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Noch viel mehr Inflation in der Pipeline

Warnungen kommen auch aus der Wissenschaft: „Die stark zweistelligen Inflationsraten bei den Großhandels- und Importpreisen zeigen, dass noch sehr viel mehr Inflation in der Pipeline ist. Schon längst ist die Geldentwertung keine abstrakte Zahl mehr, sondern sehr deutlich im Alltag der Menschen wahrzunehmen. Damit wächst jetzt auch die Rezessionsgefahr, weil der Privatkonsum als Wachstumsmotor angesichts der starken inflationären Verunsicherung einknicken könnte. Die EZB ist nicht für den neuerlichen aktuellen Preisschub aufgrund von Russlands Krieg verantwortlich.“ Soweit eine Stellungnahme von ZEW-Professor Friedrich Heinemann. Der Aktienmarkt fürchtet die Zinsen mehr als den Krieg, ist einen Analystenthese, die auf den täglichen Kurszuckungen beruht. Der Aktienmarkt scheint die Kriegsangst ein gutes Stück abgelegt zu haben und konzentriert sich nun auf realwirtschaftliche Auswirkungen. Steigende Anleiherenditen üben jedoch zunehmend Druck auf die Kurse aus.

Wenigstens kann man in anlagestrategischen Berichten der vergangenen Tage nicht nur „Aktienmarkt fürchtet die Zinsen mehr als den Krieg“ lesen, sondern auch kriegsbedingte Warnungen wie beispielsweise: „Russland lässt bangen, China lässt hoffen. Das Kriegsgeschehen in der Ukraine ist weiterhin ein sehr großes Risiko, insbesondere für den europäischen Aktienmarkt.“

Wichtigste Ereignisse der neuen Woche

In den kommenden Tagen geht die Berichtssaison der Unternehmen beiderseits des Atlantiks weiter. Außerdem:

USA: Fed (Mittwoch, 4. Mai 2022). Die geldpolitische Straffung der US-Notenbank nimmt nun bei diesem Zinsentscheid Fahrt auf. Nach der Leitzinswende im März mit einer Anhebung um 25 Basispunkte dürfte die Fed nun eine Anhebung um 50 Basispunkte beschließen. Das Leitzinsintervall läge dann bei 0,75 % bis 1,00 %.

Deutschland: Produktion (Freitag, 6. Mai 2022). Die März-Daten werden eine herbe Enttäuschung mit sich bringen, für die Warenausfuhr, aber auch für die Produktion im produzierenden Gewerbe in Deutschland. Die Vorboten für die Industrie sind ernüchternd, wie der massive Rückgang der vom VDA gemeldeten Pkw-Produktion (und Pkw-Exporte) oder der spürbare Rückgang der Stahlproduktion. Im Bereich der Bauwirtschaft wird der Materialmangel zu einem immer größeren Hindernis, und auch die Energieproduktion dürfte nach dem starken Anstieg im Februar wieder etwas zurückgehen. Analysten erwarten daher einen sehr deutlichen Rückgang der Produktion im produzierenden Gewerbe.

USA: Arbeitsmarkt (Freitag, 6. Mai 2022). Der US-Arbeitsmarkt hat in den vergangenen Monaten von der Corona-bedingten Erholung profitiert. Gleichwohl ist seit Herbst des vergangenen Jahres zu beobachten, dass die monatlichen Beschäftigungszuwächse in der Tendenz abnehmen. Wir gehen davon aus, sagen Analysten, dass sich diese Entwicklung auch im April fortgesetzt hat. Umfragewerte deuten an, dass die Lohndynamik ihren Zenit überschritten haben könnten.

Zu guter Letzt: Stellen Sie sich (wie auch immer) darauf ein, geschätzte Leser, dass in den kommenden Monaten wirtschaftlich und politisch historische Weichenstellungen erfolgen werden – erfolgen müssen!

2030 oder 2050 Klimaneutralität
Strombedarf Erneuerbare Energien