In den Mühlen von Inflation und Politik

von | 22. Aug 2022 - 08:21 | Kutzers Corner

Wie auf Kommando hat in der vergangenen Woche eine Reihe prominenter Anlagestrategen erste Ausblicke auf die kommenden Monate und das nächste Jahr skizziert. Erfahrungsgemäß werden Analysen und Prognosen zu Wirtschaft und Börsen noch mehrfach revidiert und korrigiert. Sie bieten damit dem Privatanleger aber schon früh wichtige Orientierungshilfen.

Außerdem zeigen sie an, wie sich die marktbestimmenden Profis momentan verhalten. Inflation und Geldpolitik sind zentrale Punkte bei den unterschiedlichen Überlegungen der Investmentstrategen. Bis sich die Inflation abschwächt, dürfte sich die derzeitige Rally bei Risikoanlagen (= Aktien) als nicht nachhaltig erweisen, ist eine typische Haltung. Der Hauptgrund für die jüngste Erholung der Aktienkurse war die Erwartung einer weniger expansiven Fed. Doch wird ein solchen Schwenk in nächster Zeit meist für unwahrscheinlich gehalten. Dafür ist der US-Verbraucherpreisindex mit rund 9 % nach wie vor zu hoch. Und die Fed wird wahrscheinlich auf eindeutige Anzeichen für einen nachlassenden Inflationsdruck warten wollen, bevor sie ihre restriktive Haltung aufgibt. Auch jüngste Wirtschaftsdaten liefern neue Anzeichen dafür, dass es wahrscheinlich zu früh ist, eine breit angelegte Mäßigung der Inflation zu erwarten.

Die Gefahren eines Kalten Kriegs 2.0

Die andauernde Konfrontation zwischen Russland und dem Westen schürt erneut Sorgen über die Entstehung eines Kalten Kriegs 2.0. Ein Thema, das von den Börsianern unterbelichtet, wenn nicht sogar verdrängt wird. Verglichen mit den anderen geopolitischen und weltwirtschaftlichen Gefahren sehe ich bisher keine angemessenen Versuche einer analytischen Betrachtung aus dem Blickwinkel der Finanzmärkte. Umso wichtiger ist jetzt eine Veröffentlichung von Goldman Sachs Asset Management (GSAM), die ich unterstreichen möchte – deshalb im Folgenden wesentliche Auszüge.

Die Zusammenfassung zeigt, wie weitreichend die Risiken für die Volkswirtschaften, die Märkte und die Menschheit insgesamt sein können: Verglichen mit den breiten ideologischen Konflikten, die im 20. Jahrhundert zwischen dem Ostblock und dem Westen bestanden, sind die Anfangsphasen des Kalten Kriegs 2.0 bisher gezielter und lokalisierter. Wie es scheint, wird er jedoch voraussichtlich das Weltwirtschaftswachstum und die globale wirtschaftliche Zusammenarbeit mehr schädigen – und das praktisch ohne all die Silberstreifen am Horizont, die der erste Kalte Krieg durchaus bot. Bedenkt man die wirtschaftlichen, politischen und humanitären Kosten für alle Seiten, wird es beim Kalten Krieg 2.0 vermutlich keinen Sieger geben. Angesichts der aktuellen Lage gehen wir davon aus, dass Rohstoffe als Triebfeder des Wirtschaftswachstums eine zentralere Rolle als in früheren Konjunkturzyklen spielen werden. Zudem sollte auch der herkömmliche Fahrplan für Anlagen neu überdacht werden, um den erhöhten geopolitischen Risiken im Hinblick auf Anlagechancen in den Industrie- und Schwellenländern Rechnung zu tragen.

Die Unterschiede zum 20. Jahrhundert

In den 1970er-Jahren begann der sowjetischen Wirtschaft die Puste auszugehen. Nach einem kurzzeitigen Boom dank der Energiekrise forderte das teure Wettrüsten schließlich seinen Tribut vom Wirtschaftswachstum. Der Rückgang setzte sich während des Ölüberangebots der 1980er-Jahre fort und trug zur offiziellen Auflösung des Ostblocks 1991 bei. Den USA gelang es, ihre eigenen Rückschläge in den 1970er- und 1980er-Jahren zu überwinden und in dieser Zeit ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von mehr als 3 Prozent zu erzielen. Dieses Mal ist es anders. Die diesjährigen geopolitischen Spannungen gehen von einem regionalen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine aus, haben sich aber schnell in eine globale Konfrontation entwickelt, denn Russland setzt seine Rohstoffexporte als Waffe ein, um das wirtschaftliche Wohlergehen und die Energiesicherheit der westlichen Unterstützer der Ukraine zu bedrohen. Die Situation wird manchmal mit „Kalter Krieg 2.0“ betitelt, weil sie an den Ost-West-Machtkampf im 20. Jahrhundert erinnert – allerdings wird dieses Mal der wirtschaftliche Schaden größer sein.

Die Einigung unter den Staaten wird schwieriger

Der Kalte Krieg 2.0 wird vermutlich auch stärker spalten als der Kalte Krieg 1.0. Zu Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts waren die EU-Länder schnell vereint in ihrer gemeinsamen Haltung gegen die humanitäre Tragödie. Deutlich länger hat es bei den Mitgliedstaaten jedoch gedauert, bis sie sich darauf einigen konnten, Sanktionen gegen russisches Erdgas zu verhängen, denn die Abhängigkeit und die Ausweichmöglichkeiten sind in jedem Land anders. Es ist unwahrscheinlich, dass eine moderne Version eines Marshallplans oder eine andere Form der internationalen Hilfe das europäische Erdgasdilemma auf die Schnelle lösen kann, da es Jahre dauert, die Verteilungsinfrastruktur aufzubauen und umzuleiten. Andererseits haben sich die traditionellen Verbündeten Russlands wie etwa Kasachstan während der aktuellen Auseinandersetzung distanziert. Russland hat sich wiederum um eine engere Zusammenarbeit mit China bemüht. Das Verhältnis zwischen Russland und China war in der Vergangenheit und sogar während des ursprünglichen Kalten Kriegs angespannter, als viele im Westen wussten. Die Bitte um Chinas Unterstützung im Kalten Krieg 2.0 schafft neue Herausforderungen für die Beziehung der beiden Länder, denn sie steht der engen Beziehung Chinas mit Europa entgegen.

Geopolitisch sieht es düster aus

Unter geopolitischen Gesichtspunkten ist der Ausblick für den Kalten Krieg 2.0 noch düsterer. Russlands ursprüngliches Ziel war vielleicht, seine Vorherrschaft in der Ukraine zu stärken und das Land daran zu hindern, der Nato beizutreten, die in den letzten Jahrzehnten etliche ehemalige Sowjet- und Ostblockstaaten aufgenommen hat. Durch Russland militärische Aggression gegen die Ukraine hat sich die öffentliche Wahrnehmung der Risiken in der Region jedoch verändert, sodass nun neue Länder mehr Schutz vor einem russischen Einmarsch möchten. Finnland und Schweden sind sogar so weit gegangen, ihre langjährige Neutralität aufzugeben und eine Nato-Mitgliedschaft zu beantragen. Wenn es zu einer Aufnahme kommt, wäre das die wichtigste Erweiterung der Nato seit Jahren. Diese Entwicklung läuft dem entgegen, was Russland vielleicht beabsichtigt hatte, und verschärft den Konflikt zwischen den beiden Seiten weiter. Zukünftiges Geplänkel ist möglich, und die weitere Entwicklung erscheint höchst unsicher.

Rohstoffe als Triebfeder des Wirtschaftswachstums

Dank einer besseren Energieversorgung, mehr Effizienz und der Verfügbarkeit alternativer Energiequellen haben Rohstoffschocks schon seit geraumer Zeit nicht mehr so einschneidende Folgen für das Wirtschaftswachstum. Dennoch zeigt die aktuelle Situation, dass die Märkte die geopolitischen Verwundbarkeiten der globalen Energieversorgungslage größtenteils außer Acht gelassen haben. Das hat sich erst geändert, als ein Krieg sich diese Verwundbarkeiten zunutze machte. Der Kalte Krieg 2.0 befindet sich noch in der Entwicklung, aber wir gehen davon aus, dass Rohstoffen eine zentralere Rolle als Triebfeder des Wirtschaftswachstums zukommen wird, während herkömmliche Instrumente der Zentralbanken voraussichtlich nur begrenzt in der Lage sein werden, die Wogen externer Wachstums- und Inflationsschocks zu glätten. Daher könnte der Kalte Krieg 2.0 dazu führen, dass die Liste der sicheren Häfen in Industrieländern eine neue Rückversicherung erhält, und den Ausblick für Schwellenländeranlagen belasten. Auf kurze Sicht hat der US-Dollar sich bereits besser entwickelt als europäische Währungen und der japanische Yen (JPY). Der Ausblick für traditionelle sichere Häfen wie der JPY könnte auch weiterhin von der Abhängigkeit des jeweiligen Landes von Energieimporten überschattet werden. Für die Schwellenländer bedeuten die Dollarstärke und die gesunkene globale Risikobereitschaft auch, dass die Zukunft schwieriger wird.

2030 oder 2050 Klimaneutralität