Hochspannung zwischen Geo- und Geldpolitik

von | 16. Mai 2022 | Kutzers Corner

Müssen wir uns auf eine harte oder weiche Landung der Konjunktur einstellen? Angesichts der gravierenden und miteinander verbundenen Problemfelder tun sich Analysten zunehmend schwer, eine klare Prognose für die kommenden Monate herauszuarbeiten. Das überträgt sich naturgemäß auf die Börsenaussichten: Anleger können von den Experten aktuell keine Mehrheitsmeinung erwarten. Die weltpolitischen Entwicklungen und geldpolitischen Entscheidungen bilden die Pole, zwischen denen sich Unternehmen und Investoren bewegen – nur, wohin?

Denn dazu kommen noch gewichtige nationale Weichenstellungen mit grenzüberschreitender Ausstrahlung (China). Das Gesamtbild bleibt demzufolge unklar, vermutlich auch in der kommenden Woche, und die Kursentwicklung an den Märkten uneinheitlich. Es ist keine leichte Aufgabe für die Zentralbanken: Wie verlangsamt man die Konjunktur mit so viel Fingerspitzengefühl, dass sie nicht gleich in eine Rezession gerät? Die Instrumente der Geldpolitik sind relativ grob, und ihre Wirkung lässt sich erst nach Monaten abschätzen. Es ist daher nicht überraschend, analysieren die Strategen von Allianz Global Investments, dass geldpolitische Straffungen der Zentralbanken sehr viel häufiger zu „harten“ als zu „weichen“ Landungen führen.

Geldpolitisch steht die Fed weiter im Mittelpunkt

Ob eine Rezession im Euroraum vermieden werden kann, ist derzeit nicht so sehr die Frage; das hängt wohl eher von geopolitischen Entwicklungen als von der Politik der Europäischen Zentralbank ab. Spannender ist, ob der US-Notenbank ein solches Manöver gelingen kann. Sie steht dabei vor beträchtlichen Schwierigkeiten. Einerseits soll die Inflation von einem 40-Jahres-Höchststand aus deutlich verlangsamt werden, andererseits sollen die Arbeitslosenzahlen nicht allzu stark von ihrem derzeitigen Niveau aus ansteigen (sie liegen nahe einem 50-Jahres-Tiefstand). Das wäre schon unter idealen Voraussetzungen ein kompliziertes Unterfangen. Derzeit muss die Fed zudem externe Faktoren berücksichtigen, aufgrund derer sich die Aussichten für die Wirtschaft grundlegend ändern können. So werden z.B. die Null-Covid-Politik in China und Russlands Invasion der Ukraine Folgen für Wachstum und Inflation haben. Pessimisten meinen, man müsse sich auf das Schlimmste vorbereiten.

Zahlen aus China mit Spannung erwartet

Die Daten werden in dieser Woche aufzeigen, mit welchen Herausforderungen die Politik konfrontiert ist. Am Montag veröffentlichen die chinesischen Behörden Zahlen zu den Anlageinvestitionen, zur Industrieproduktion und zu den Einzelhandelsumsätzen im April. Der Konsens erwartet bei allen Datenreihen eine Verlangsamung, weil die Lockdowns in Schanghai und Beijing eine Belastung darstellen. Am Dienstag steht das vorläufige BIP in Japan im ersten Quartal an. Analysten rechnen mit einer Wachstumsbeschleunigung von 4,6% Ende 2021 auf 5,8% (jeweils gegenüber dem Vorquartal, annualisiert). Außerdem wird Eurostat den Handelsbilanzsaldo für den Euroraum veröffentlichen. Das Handelsbilanzdefizit des Euroraums lag im Februar bei 7,6 Milliarden Euro und könnte nicht zuletzt aufgrund der deutlich höheren Energiekosten auf 125,3 Milliarden Euro in die Höhe geschnellt sein. In der zweiten Wochenhälfte stehen die USA und Großbritannien im Mittelpunkt. In den USA werden Zahlen zu den Einzelhandelsumsätzen, zur Industrieproduktion und zu den Hausverkäufen veröffentlicht; für die erste Datenreihe wird eine Beschleunigung, für die anderen beiden eine Verlangsamung erwartet. In Großbritannien stehen die Produzentenpreisinflation und die Einzelhandelsumsätze an; erste sollte sich verlangsamen, letztere dürften schrumpfen.

Die markttechnischen Daten haben zuletzt einen deutlich verstärkten Pessimismus signalisiert. Die Lage ist stark überverkauft, und Kapital fließt seit vier Wochen in Folge aus dem Aktienmarkt ab. Kürzlich durchbrach der S&P 500 seinen Tiefstand vom März 2022 nach unten. Damit ist er nicht mehr allzu weit davon entfernt, die Definition einer Baisse (Kursrückgang um 20%) zu erfüllen.

In den USA schließen Aktienindizes häufig auf einem Tagestiefstand, was auf Verkaufsdruck bei passiven Anlagen (ETFs) hindeutet. Der Handel ist jedoch selbst an hektischen Tagen weitgehend ordentlich verlaufen; bisher gibt es kaum Anzeichen für Panikverkäufe. Eine dauerhafte Verbesserung des Marktumfelds hängt von verschiedenen Faktoren ab, deren weitere Entwicklung bisher unklar ist. Zu nennen wären ein Rückgang der Rohstoffpreise, eine Abwertung des US-Dollar, abklingende Inflationsbefürchtungen und eine Stabilisierung der Zinsen.

Liquidität ist die größte Sorge

Auch die Vordenker von M.M.Warburg betonen die herausragende Rolle der Geldpolitik: Nicht, dass es in absehbarer Zeit zu einer schweren wirtschaftlichen Krise kommt, also zu einer Rezession, sondern dass die Notenbanken die Zinsen deutlich erhöhen werden und deswegen die Liquidität, welche die Aktienmärkte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten angetrieben hat, versiegt. Schlagwörter, die das Börsengeschehen lange dominiert haben, wie „TINA“ (There is no alternative), „FOMO“ (Fear of missing out) oder „Buy the Dip“ könnten deswegen für eine gewisse Zeit aus der Mode kommen.

Fazit: Da die Risiken für die Aktienmärkte hoch bleiben, halten nicht nur die Warburg-Banker eine weitere Reduzierung der Aktienquote (auch auf dem mittlerweile niedrigeren Kursniveau) für vertretbar. Angesichts der schlechten Stimmungslage und der technischen Konstellation eines überverkauften Marktes ist kurzfristig eine kräftige Kurserholung wahrscheinlich, dennoch dürfte die Durststrecke noch nicht vorbei sein. Stockpicker unter den Anlegern lassen sich von solchen Aussichten nicht abschrecken, denn sie finden im breiten Angebot stets positive Ausnahmen Beispiel Industriegasehersteller wie Linde profitieren derzeit von deutlichen Absatzzuwächsen in vielen Schlüsselbranchen. Und mittelfristig bieten sich für Linde beim von der EU forcierten Übergang zur Wasserstoffwirtschaft exzellente Perspektiven.

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