Germanium: Ein Element schreibt Musikgeschichte

4. Juli 2021 | Technologien

Was wäre Rockmusik ohne laute und verzerrte Gitarren? Zumindest deutlich langweiliger. Aber wie entstehen diese Klänge, von denen viele mittlerweile legendär sind wie das Gitarrenriff von „(I can’t get no) satisfaction“ der Rolling Stones? Und was hat das Element Germanium damit zu tun?

Die ersten Lautsprecherboxen und Verstärker für elektrische Gitarren waren in Klang und Lautstärke noch nicht auf dem gleichen Level wie heutige Geräte, die viele hundert Watt Musikleistung haben. Das Aufdrehen auf volle Lautstärke oder eine sonstige unsachgemäße Behandlung quittierten sie mit einer drastischen Veränderung des Tons; sie begannen, zu verzerren. Dabei entstanden aber auch harmonische Obertöne, die, kreativ eingesetzt, neue Klangfarben ermöglichten. Das nutzten einige Musiker schon in den 40er Jahren und setzten die Verzerrung bewusst in ihren Songs ein.

Eher unfreiwillig hingegen entdeckte 1961 der amerikanische Studiomusiker Grady Martin eine andere Art, verzerrte Töne zu erzeugen. Bei den Aufnahmen zu „Don’t Worry von Marty Robbins nutzte er versehentlich einen defekten Vorverstärker des Mischpults. Der erzeugte Klang war stark komprimiert und leicht sägend, schaffte es aber auf Schallplatte. Martin nahm im gleichen Jahr, mit dem gleichen defekten Verstärker den Instrumentalsong „The Fuzz“ auf. Der Titel, der sich von „fuzzy“ (pelzig, flaumig) ableitet, beschreibt den Effekt sehr gut. Der Sound wurde in der Folge von anderen Bands kopiert.

Auf der anderen Seite des Atlantiks zerstörte Dave Davies, Gitarrist der englischen Band The Kinks, die Lautsprecher seiner Gitarrenbox mit Rasierklingen, damit der Sound brachialer wurde. Gut zu hören etwa bei „You Really Got Me“. Das war 1964 und eigentlich nicht mehr notwendig. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte der Hersteller Gibson die Zeichen der Zeit bereits erkannt und den „Fuzz-Effekt“ in ein Bodenpedal verpackt. Entwickelt wurde das „Maestro Fuzz“ von Glenn Snoddy, der als Toningenieur die Aufnahmen von „Don’t Worry“ verantwortete.

Im „Maestro Fuzz“ arbeiteten mehrere Transistoren aus Germanium, einem seltenen Technologiemetall, das 1886 erstmals nachgewiesen wurde. Der erste Transistor des Geräts erhöht die Lautstärke des Eingangssignals derart, dass es vom zweiten Transistor nicht mehr zu verarbeiten ist. Das Signal wird dabei teilweise abgeschnitten. Diese Übersteuerung erzeugt Obertöne, die zusammen mit dem restlichen Eingangssignal den gewünschten Klang erzeugen.

Vintage, aber fit für die Zukunft

Kommerziell erfolgreich war das Gibsons Effektgerät zunächst nicht. Richtig populär machten es erst 1965 die Rolling Stones – mit dem berühmten Gitarrenriff von „(I Cant Get No) Satisfaction“. Wenn es nach Songwriter Keith Richards gegangen wäre, hätte das Lied aber ganz anders geklungen. Der Klang des Maestro Fuzz‘ war für ihn ein Platzhalter, als der Song in den RCA Studios in Hollywood aufgenommen wurde. Richards wollte „Satisfaction“ zu einem späteren Zeitpunkt nochmal aufnehmen, die verzerrte Gitarre sollte dann durch eine Bläsersektion ersetzt werden. Richards wurde letztlich überstimmt und der Song als Single veröffentlicht. Der Rest ist Geschichte.

Auch andere Hersteller versuchten sich an Effektpedalen, sie setzten dabei ebenfalls auf Germaniumtransistoren. Berühmt und berüchtigt wurde das sogenannte „Fuzz Face“ der britischen Firma Dallas Arbiter. Das Pedal mit dem sympathischen Grinsen wurde von Jimi Hendrix virtuos eingesetzt. Aufgrund der fehlenden Normung veränderten sich die Klangeigenschaften der verwendeten Bauteile während des Betriebs, etwa durch die Einwirkung von Wärme.  Hendrix hatte daher stets ein ganzes Arsenal dieser Bodentreter in Reichweite.

Ende der 60er Jahre lösten zwar Silikontransistoren Germanium ab; sie waren weniger empfindlich und ihr Klang beständiger. Trotzdem erleben Germanium-Pedale heute ein Revival bei Bands, die sich vom Vintagesound der 60er und 70er Jahre inspirieren lassen.

So bedeutend Germanium für die Geschichte des Rock N Rolls war, ist es heute für Zukunftstechnologien. Beschichtungen aus Germanium können die Effizienz und Lebensdauer von Solarzellen erhöhen. Auch wird es als Trägermaterial für Solarmodule aus Galliumarsenid genutzt. Zum Einsatz kommt Germanium auch bei optischen Anwendungen und der Herstellung von Lichtleitern, wie etwa Glasfaserkabeln. In einer zunehmend vernetzten Welt, in der Wege zur Reduktion von Treibhausgasen gesucht werden, kann man also davon ausgehen, dass der Bedarf an diesem Technologiemetall noch weiter steigen wird.

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