Die Zeitenwende

28. Februar 2022 | Kutzers Corner

Was für ein dramatisches Wochenende! Der Westen antwortet hart und geschlossen auf die russische Invasion in die Ukraine. Mehrere Sanktionspakete werden abgestimmt auf den Weg gebracht. Kanzler Scholz hält am Sonntag eine große Rede im prallvollen Bundestag und beschreibt eine „Zeitenwende“ für Europa, die deutsche Verteidigungspolitik sowie die Maßnahmen zur Verringerung der deutschen Abhängigkeit von Energieimporten. Dafür werden enorme Investitionen geplant. Am Nachmittag versetzt Russlands Präsident Putin die Nuklearstreitkräfte des Landes in Alarmbereitschaft. Nato-Generalsekretär Stoltenberg zeigt sich besorgt (Redaktionsschluss 17:00 Uhr).

In diesem Umfeld ist es unmöglich, konkrete Aussagen zu den ökonomischen Folgen zu treffen. Nur ganz vereinzelt sind Volkswirte und Analysten schon bereit, zumindest allgemeine Ausblicke zu formulieren. Vorsichtig und uneinheitlich ist beispielsweise das von Metzler Asset Management skizzierte Bild: Die europäische Wirtschaft dürfte in den kommenden Monaten einen Abschwung erleiden. Die umfassenden staatlichen Konjunkturprogramme infolge der EU-Finanzhilfen und das Abebben der Pandemie sprechen jedoch gegen eine schwere Rezession und für eine Erholung im zweiten Halbjahr. Die US-Wirtschaft dürfte dagegen kaum betroffen sein, da die USA nicht mehr abhängig von Energieimporten sind.

Steigende Rohstoffpreise, hohe Volatilität der Aktien

Insgesamt wird nicht nur von den Frankfurtern mit einem Umfeld hoher Volatilität an den Aktienmärkten und steigenden Rohstoffpreisen gerechnet. Aufgrund der hohen Inflation werden die EZB und die US-Notenbank die Finanzmärkte nicht mit üppiger Liquidität fluten und deutlich zurückhaltender sein als in der Vergangenheit. Sie werden jedoch dafür sorgen, dass die Finanzmärkte funktionsfähig bleiben. Daher dürften die Renditen von Staatsanleihen nur begrenzt fallen. Das klingt plausibel.

Inflation kann 2022 noch höher klettern

Auf eine absehbare Normalisierung der viel zu hohen Infklationsraten mag man aber kaum noch setzen. Im Gegenteil könnte die Teuerung bei uns im Jahresverlauf noch steigen. Massive Investitionen, um möglichst rasch von Öl- und Gasimporten aus dem Ausland unabhängiger zu werden, können zusammen mit politisch initiierten Preiserhöhungen der Exporteure die Energie hierzulande noch weiter verteuern. Schon am Freitag kam eine entsprechende Meldung vom Ifo-Institut: Die Deutschen müssen sich auf weiter steigende Preise einstellen. Viele Unternehmen planen, sie in den kommenden drei Monaten zu erhöhen. Das geht aus einer aktuellen Befragung des Münchner Instituts hervor. Dabei wurde ein neuer Höchstwert erreicht. Mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine drohen die Kosten für Gas und Öl weiter zu steigen und damit viele weitere Preise für die Verbraucher. Eine 5 vor dem Komma der Inflationsrate im Gesamtjahr 2022 wird gerade wahrscheinlicher als eine 3, sagt das Ifo.

Gute Nachrichten von Pandemie und dem Arbeitsmarkt

Es kommen aber auch Nachrichten der Kategorie Hoffnung, etwa über den Verlauf der Pandemie. Die Daten zeigen rapide fallende Zahlen an Neuinfektionen in den USA, Großbritannien und der Eurozone. Gleichzeitig sind niedrige Hospitalisierungsdaten in den drei Wirtschaftsräumen zu beobachten. Dementsprechend ist es wenig überraschend, dass immer mehr Länder ihre Wirtschaft zunehmend öffnen. Damit wird zweifellos eine Belebung des arbeitsintensiven Dienstleistungssektors einhergehen, wie die Einkaufsmanagerindizes des Dienstleistungssektors (Veröffentlichung am Donnerstag) in allen drei Regionen im Februar eindrücklich unter Beweis stellen dürften. Es stellt sich jedoch die Frage, woher die Arbeitskräfte für die wiedereröffneten Hotels, Restaurants, Kreuzfahrtschiffe, Großveranstaltungen etc. herkommen sollen, die ja schon jetzt knapp geworden sind. In der Eurozone könnte die Arbeitslosenquote (Donnerstag) im Januar mit 6,9 % sogar einen neuen Tiefpunkt seit Einführung des Euros erreicht haben.

Portfoliosicherung im Krisenszenario

Wie sollten sich Anleger in einem solchen Krisenumfeld aufstellen? Der Vorstand von SALytic Invest hat einen konkreten Strategievorschlag und rät zu einer asymmetrischen Allokation: „Wir fahren das Risiko für unsere Kunden herunter und investieren einen Teil des Geldes in asymmetrisch handelnde Assetklassen, die in Risikophasen steigen.“ Zur Verminderung der Risikopositionen gehört eine Verringerung der Aktienquote, besonders der europäischen Titel mit hohem Russland-Bezug in den operativen Aktivitäten wie etwa Banken oder Energieausrüster, sowie von Unternehmen, die stark unter den explodierenden Öl- und Gaspreisen leiden. Innerhalb des verbleibenden Aktienportfolios setzen die Investmentexperten auf defensive Titel wie Versorger, Versicherungen oder Pharmawerte, die robuster gegenüber konjunkturellen Schwankungen sind. Zudem gelten im aktuellen Umfeld US-Gasproduzenten oder Börsenbetreiber als interessant, die von steigender Volatilität profitieren. Daneben ist in Europa von einem starken Anstieg der Rüstungsbudgets auszugehen. Im Bondbereich reduziert SALytic Invest High Yield- und Hybrid-Anleihen zugunsten von Staatsanleihen, hier vor allem US-Treasuries. Außerdem werden neben dem US-Dollar auch Schweizer Franken und Gold beigemischt – als Krisenwährungen mit Versicherungscharakter.

2030 oder 2050 Klimaneutralität
Strombedarf Erneuerbare Energien