Die Kraft des Zinseszinses

von | 12. Sep 2022 - 08:03 | Kutzers Corner

Wie steht es um die Weltwirtschaft? Die Frage sollte man so global besser nicht mehr stellen – zu sehr driften die Entwicklungen nach Ländern und Branchen inzwischen auseinander. Das spiegelt sich auch in den Tendenzen von Inflationsraten und Zinsen wider. Analysten haben in den vergangenen Tagen durchaus unterschiedliche Einschätzungen der Konjunkturperspektiven vorgelegt. Ich gehe davon aus, dass die Differenzierung eher noch zunehmen wird. Das sollten auch die Anleger berücksichtigen.

Ökonomen wie das Research der Helaba erwarten ein positives Wirtschaftswachstum erst wieder im Frühjahr 2023. Unter diesen Bedingungen dürfte das Bruttoinlandsprodukt im nächsten Jahr nur um 0,4 % zulegen. Für diese bereits recht pessimistische Prognose steigen die Abwärtsrisiken, wenn es nicht gelingt, die Energiekosten zu senken. Dazu wird aber auch die Frage gestellt, ob in den USA nicht schon eine Wende der Inflation bevorsteht. Vor allem sinkende Benzinpreise sorgen bei den US-Verbrauchern für Entspannung an der Preisfront. Auch die Nahrungsmittel- und Dienstleistungspreise dürften den Zenit erreichen. Den Sieg über die Inflation in den USA bereits auszurufen, wäre aber vermessen. Noch immer ist der Arbeitsmarkt dort in einer robusten Verfassung, was durch die ungeachtet des letzten Anstiegs niedrige Arbeitslosenquote und den soliden Stellenaufbau unterstrichen wird.

US-Benzinpreise weiter auf Talfahrt

Deutliche Entlastungen aber gibt es vonseiten der Energiepreise. So sind die für die US-Verbraucher so wichtigen Benzinpreise weiter gesunken, wohingegen die weniger im Fokus stehenden Gaspreise einen Anstieg aufweisen. Immerhin scheint sich im laufenden Monat auch dort die Lage zu verbessern. Zudem fielen einige vorlaufende Indikationen auch für andere Bereiche der Preisstatistik zuletzt freundlich aus. Alles in allem scheint ein Rückgang des Verbraucherpreisindex möglich. Da die Inflationsrate trotz des erwarteten Rücksetzers aber noch in der Nähe von 8 % bleiben dürfte, gibt es keinen Grund für die Fed, von dem avisierten aggressiven Vorgehen abzuweichen.

Und die Europäer? Auch für die EZB gilt jetzt das neue Motto: Die Zinsen so schnell wie möglich rauf, zügig weg von den aktuell als zu expansiv eingestuften Leitzinsniveaus. Ziel ist es, über eine Dämpfung der Nachfrage steigenden Inflationserwartungen vorzubeugen. Die EZB kann vor allem die Nachfrage beeinflussen, nicht so die Angebotsseite. Allerdings befindet sich diese bereits markant unter Druck. Die Menschen sind durch die hohe Inflation ohnehin nicht in Kauflaune, sondern sparen für die kommenden Energierechnungen.

Menschen unterschätzen Kraft des Zinseszinses

In diesem Kontext beschreibt die Analyse- und Ratinggesellschaft Morningstar die Zinsentwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Zinseszinseffekts.  Eine kurze Auffrischung: Zinseszinsen werden erzielt, wenn aus kleinen Geldbeträgen im Laufe der Zeit große Summen werden, weil die Zinsen reinvestiert werden. Das Verständnis des Konzepts ist recht einfach. Und es ist in jedem Fall ratsam, ein Gefühl für die finanziellen Auswirkungen des Zinseszinseffekts zu bekommen – und zu erkennen, wie er sich auf Ihre Ersparnisse auswirken kann. Tatsächlich unterschätzt die Mehrheit der Menschen die Macht des Zinseszinses, was auf lange Sicht zu vergleichsweisen schlechteren finanziellen Entscheidungen führen kann – etwa, weil Menschen zu wenig sparen.

Eine Umfrage von Anfang des Jahres zeigt beispielhaft, wie wenig intuitiv das Konzept manchmal ist. In einem hypothetischen Szenario unterschätzten mehr als drei Viertel der Befragten die korrekte Höhe der Zinseszinsen, die ein Plan einbringen würde. Weniger als 7% der Befragten hatten ihn innerhalb des korrekten Bereichs geschätzt. Die gestellte Frage war: Sie investieren 100£ für Ihr Kind in einen Aktienfonds. Was wäre Ihre Schätzung, was die Investition am 18. Geburtstag des Kindes wert wäre, wenn der Aktienmarkt eine durchschnittliche jährliche Rendite von 8% erzielt. Ein Taschenrechner ist nicht erlaubt. Die durchschnittliche Schätzung lautete 246 £. Der richtige Betrag war 400 £.

Auf das langfristige Wachstum kommt es an

Aber die wirkliche Kraft liegt im langfristigen Wachstum. Wenn Sie also zufällig so erfolgreich sind wie Warren Buffetts Berkshire Hathaway, das seit so vielen Jahren ein jährliches Wachstum von 20 % verzeichnet, dann sieht das alles ganz anders aus. So könnten Sie 100 £ in 30 Jahren in 23.738 £ verwandeln. Dies ist natürlich meilenweit entfernt von einer Verzinsung von 5 % p.a. über 30 Jahre, die sich gerade einmal in 432 £ verwandelt. Doch selbst das ist eine Vervierfachung, ohne überhaupt einen Finger gekrümmt zu haben. Dies Beispiel zeigt: wenn Sie Vermögen aufbauen möchten, kann es einen erheblichen Vorteil bieten, früh zu beginnen und sich auf die bestmögliche Rendite zu konzentrieren. Nur investiert zu sein, ist nicht gut genug, wie die meisten von uns wahrscheinlich in diesem Marktabschwung erkannt haben.

Um in den komfortableren Bereich der Zinseszinsmatrix zu gelangen, müssen Sie die Schlüsselelemente sorgfältig studieren: den Preis, den Sie für die Vermögenswerte zahlen, in die Sie investieren, deren intrinsische Eigenschaften und ihren Wert. Gleiches gilt natürlich auch für Fonds oder ETFs. Empfiehlt Morningstar: Wenn Sie beispielsweise Ihr Geld in Aktien investieren möchten, müssen Sie qualitativ hochwertige Papiere auswählen, die derzeit zu einer günstigen Bewertung gehandelt werden. Ein qualitativ hochwertiges Unternehmen hat eine starke Wettbewerbsposition auf seinem Markt, ist in einer wachsenden Branche tätig, generiert eine hohe Kapitalrendite, einen wachsenden freien Cash-flow, behält eine starke Bilanz und verfügt über ein kompetentes Management.

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