Chancen der Energiewende stärker berücksichtigen

von | 24. Apr 2023 - 08:30 | Kutzers Corner

Klimaschutz und Energiewende sind zentrale politische Herausforderungen geworden – nicht nur bei uns, sondern weltweit. Doch spielen die Kapitalmärkte bei der Lösung der komplexen Aufgaben bisher nur eine Nebenrolle.

Ich behaupte: Neben schnelleren Weichenstellungen durch die politischen Verantwortlichen verbunden mit einem Abbau der administrativen Hindernisse sollte verstärkt privates Kapital mobilisiert werden – einschließlich populärer Marktplätze wie vor allem Börsen und Investmentfonds. Für attraktive Zwecke des Umweltschutzes stehen in unbegrenzter Höhe (auch) private Mittel zur Verfügung. Deshalb: In der Diskussion über die Energiewende (mit all ihren Facetten) sollten die damit befassten Unternehmen selbst stärker integriert und gehört werden.

Neue Industrien und Wertschöpfungsketten

Michael Rae, Fondsmanager bei M&G, hat diesen Komplex analysiert und kommt zu interessanten Ergebnissen, auf die ich im Folgenden zurückgreife. Die EU hat eines der ehrgeizigsten Dekarbonisierungsziele der Welt für den Stromsektor und strebt bis 2030 einen Anteil von 42,5 % erneuerbarer Energien an: Die Umstellung auf Dekarbonisierung schafft völlig neue Industrien und Wertschöpfungsketten. „Doch eine steigende Flut hebt nicht alle Boote an – die Streuung zwischen Gewinnern und Verlierern ist beträchtlich“, sagt der Manager des M&G (Lux) Climate Solutions Fund. Die bloße Präsenz auf einem wachsenden Endmarkt reiche nicht aus, um von den Vorteilen zu profitieren.

Das Ausmaß an Innovation und Kreativität, das für den Wandel hin zu einer dekarbonisierten und kreislauforientierten Wirtschaft eingesetzt wird, sei beeindruckend. Ein Großteil der neuen Ideen für völlig neue Industrien und Wertschöpfungsketten stamme von vergleichsweise kleinen und wendigen Unternehmen. Aber natürlich sei auch hier die Qualität von Geschäftsmodellen sehr wichtig, und trotz einer dauerhaften Wachstumsperspektive durch die Energiewende gibt es nicht nur Gewinner.

Beispiele für Unternehmen in der Vorreiterrolle

Allein im Solarsektor betrug die Spanne zwischen den besten und den schlechtesten Aktien auf der globalen M&G-Beobachtungsliste im vergangenen Jahr mehr als 100 % (+85 % bei den besten gegenüber -45 % bei den schlechtesten). Es reicht also nicht aus, einfach in einen wachsenden Markt zu investieren. Die folgenden Unternehmen nehmen nach Darstellung von Rae eine Vorreiterrolle ein und profitieren entweder vom politischen Rückenwind oder Änderungen des Konsums:

Alfen: EV-Ladung und Energiespeicherung

Die Stromnachfrage in entwickelten Märkten wie Europa hat in den letzten Jahrzehnten nur wenig Beachtung gefunden. Die nächsten 30 Jahre, in denen wir uns dem „Net Zero“ nähern, versprechen viel dynamischer zu werden. Ein verändertes Verbraucherverhalten durch die Einführung von Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen hat das Potenzial, die Stromnachfrage selbst in den Industrieländern zu verdoppeln. Das bedeutet, dass tiefgreifende Veränderungen bei der Stromerzeugung und der Stromübertragung über Hochspannungsgleichstrom (HGÜ) auf dem gesamten Kontinent bevorstehen.

Ein Nutznießer dieser Dynamik in Europa dürfte das niederländische Unternehmen Alfen sein. Mit fast einem Jahrhundert Erfahrung im Bau von Netzausrüstungen ist Alfen in der gesamten Energie-Wertschöpfungskette präsent und bietet Umspannwerke, Batterien für den Versorgungsbereich und Ladestationen für Elektroautos für den Hausgebrauch oder an Orten wie Parkplätzen in Einkaufszentren an. Alfen ist laut M&G ein seltenes, vielleicht sogar einzigartiges Beispiel für ein Unternehmen, das auf diesen neuen Märkten tätig ist und bereits Rentabilität vorweisen kann. Die meisten Konkurrenten ähnlicher Größe sind noch nicht profitabel und auf Wachstumsaussichten angewiesen, um ihre Bewertung zu stützen. Wir gehen davon aus, dass die politischen Entwicklungen in der EU in Verbindung mit den Net-Zero-Zielen auf Unternehmensebene die Nachfrage nach den Produkten von Alfen weiter fördern werden.

Tomra: Kunststoff-Recycling

Die Aussicht auf ein Ende der Verwendung von Kunststoffen liegt noch in weiter Ferne. Als Material ist Kunststoff in Bezug auf Kosten, Gewicht und Vielseitigkeit der Verwendung nach wie vor unübertroffen. Die gute Nachricht ist, dass dank kontinuierlicher Innovation immer mehr Kunststoffarten durch chemische Prozesse recycelt und die ursprünglichen fossilen Moleküle somit wiederverwendet werden können. Derzeit werden jedoch weltweit nur 9 % der Kunststoffabfälle recycelt, während 22 % falsch entsorgt werden. Bei der Verfolgung des Konzepts „Verringern, Wiederverwenden, Recyceln“ müssen alle Beteiligten, von den Petrochemie-Unternehmen über die Verpackungshersteller bis hin zu den Verkäufern von Konsumgütern und dem Endverbraucher selbst, eine Rolle spielen.

Nirgendwo wird dies deutlicher als in der EU, die bei der Kreislaufwirtschaft von Kunststoffen bereits führend ist und den Druck für Veränderungen durch die Politik weiter erhöht. Im November 2022 hat die Europäische Kommission vorgeschlagen, dass alle EU-Mitgliedstaaten bis zum 1. Januar 2029 ein Pfandrücknahmesystem für Metall- und Kunststoffgetränkeverpackungen einführen.

Aus Sicht des Fonds ist das norwegische Unternehmen Tomra der herausragende Nutznießer dieser Entwicklung. Es ist weltweit führend in der Herstellung von Leergutrücknahmeautomaten, die wiederverwertbare Abfälle sammeln, und von Abfallsortiermaschinen, die in Recyclingzentren aufgestellt werden. Tomra kann auf eine lange Innovationsgeschichte in diesem Nischenbereich zurückblicken. Die Gründer des Unternehmens erfanden Anfang der 1970er Jahre den weltweit ersten Leergutrücknahmeautomaten. Das Geschäft von Tomra trifft genau den Kern des Problems der Abfallsortierung, denn selbst wenn alle Materialien in der richtigen Tonne gelandet sind, müssen sie noch nach Kunststoffart und -farbe sortiert und auf das Vorhandensein von Etiketten und Deckeln untersucht werden, bevor sie dem chemischen Recyclingprozess zugeführt werden können.

Ceres Power: Dekarbonisierung des Internets

Heutzutage erwarten wir ganz selbstverständlich, dass der Zugang zu unseren Daten und zum Internet kontinuierlich und ohne Unterbrechung funktioniert. Das bereitet den Betreibern von Rechenzentren, den großen Knotenpunkten, die den Datenstrom aus den Apps und Geräten, die wir täglich nutzen, speichern und verarbeiten, Kopfzerbrechen. Rechenzentren haben einen enormen Stromverbrauch, und ihre Zuverlässigkeit hängt von der Qualität des zugrunde liegenden Stromnetzes ab. Der Anteil der digitalen Technologien an den weltweiten Treibhausgasemissionen ist seit 2013 um die Hälfte gestiegen, von 2,5 % auf 3,7 %. Kommt es zu einem Stromausfall aufgrund extremer Hitze, extremer Kälte oder auch nur eines Baumes, der an der falschen Stelle umstürzt, führt die Instabilität der Netzeinspeisungen direkt zu einer Unterbrechung der Datenübertragung und -speicherung. Aus diesem Grund sind die heutigen Rechenzentren mit mehreren Schichten von Dieselgeneratoren ausgestattet, die in Zeiten der Netzinstabilität einspringen können. Obwohl sie nur selten eingesetzt werden, sind diese dieselbetriebenen Maschinen nicht mit den in der Technologiebranche weit verbreiteten Verpflichtungen zu Netto-Null-Emissionen vereinbar.

Eine Lösung sind wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen, die wie Dieselgeneratoren funktionieren und schnell ansprechenden, gleichmäßigen Strom liefern, aber von einem Wasserstoffspeicher vor Ort gespeist werden, der seinerseits sauber durch erneuerbare Energien erzeugt werden kann. In Großbritannien ist mit Ceres Power einer der führenden Anbieter von Technologien in diesem Bereich ansässig. Ceres unterscheidet sich von den meisten Unternehmen, die auf dem Gebiet des Wasserstoffs tätig sind, da das Unternehmen nicht als Hersteller auftreten will, sondern lediglich sein Brennstoffzellenkonzept, die „SteelCell“, an große, weltweit tätige Herstellerunternehmen lizenzieren will, die bereits über ein weltweites Verkaufs- und Vertriebsnetz verfügen.

Dieser Ansatz macht teure Fabriken überflüssig, die hohe Kosten und Betriebsrisiken mit sich bringen, und sorgt für sehr hohe Bruttomargen, da Ceres vom wiederholten Verkauf desselben Designs profitiert. Ansicht des M&G-Fondsmanagements bedeutet dies, dass Ceres eher in der Lage ist, sich aus seinem eigenen Cashflow zu finanzieren, als dies bei seinen Konkurrenten der Fall ist. Auch die Zustimmung der Kunden sei sehr ermutigend – Ceres arbeitet eng mit Bosch, einem der weltweit größten Unternehmen für Haushaltsgeräte und Industrietechnik, sowie mit Doosan und Weichai in Asien zusammen.