Börse verstehen wird immer schwerer

von | 31. Jul 2023 - 08:58 | Kutzers Corner

Nach den Notenbank-Beschlüssen ist vor den (nächsten) Notenbank-Beschlüssen. Bei den Konjunkturindikatoren verhält es sich ähnlich. Die ohnehin schon komplizierte Datenlage wird zunehmend unklar. Kein Wunder, dass die meisten Privatanleger überfordert sind.

In seinem aktuellen Wochenausblick spricht Edgar Walk, Chefvolkswirt Metzler Asset Management, von „ungewöhnliche[n] Divergenzen in den großen Wirtschaftsräumen“. Während sich in den USA die Konjunktur beschleunigt – wahrscheinlich zulasten der Inflationsentwicklung –, verliert die europäische Wirtschaft an Fahrt. Japan hingegen profitiert einerseits von einer guten Wettbewerbsfähigkeit infolge des schwachen Wechselkurses, andererseits von einer robusten Binnennachfrage. Walk sieht (ähnlich wie andere Vordenker) das Land der aufgehenden Sonne vor einem „goldenen Jahrzehnt“. Unsicher sind dagegen die für die westlichen Volkswirtschaften und Finanzmärkte so wichtigen Perspektiven Chinas.

Deutsche Wirtschaft in Übergangsphase

Was soll insbesondere der deutsche Privatanleger mit den Fragezeichen anfangen? Unsere Konjunktur kommt nicht so recht vom Fleck, befindet sich vielmehr in einer Übergangsphase. Nach Rückgängen in den beiden Vorquartalen stagnierte Deutschlands Wirtschaftsleistung von April bis Juni. Damit hat sich die Rezession aus dem Winterhalbjahr nicht fortgesetzt. Eine Erholung hat aber auch noch nicht begonnen. Und es ist nach Einschätzung von Volkswirten noch nicht ausgemacht, in welche Richtung es in den kommenden Monaten weitergehen wird. Im zweiten Quartal haben sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Konsumausgaben der Haushalte wieder stabilisiert, die im Winter besonders unter den hohen Energie- und Lebensmittelpreisen gelitten haben. Dabei dürften die teils kräftig steigenden Einkommen geholfen haben. Damit es aber zu einer Erholung kommt, muss die Inflationsrate weiter sinken. Dann müsste die EZB auch nicht weiter an der Zinsschraube drehen. Die Voraussetzung dafür ist, dass sich das internationale Wirtschaftsumfeld entspannt. Nur dann geht es wieder aufwärts mit der deutschen Industrie, die von Exporten abhängig ist. Andernfalls ist für den Rest des Jahres kein dynamischer Aufschwung zu erwarten. 

Im Dreieck von Inflation, Zinsen und Konjunktur

Die Daten der vergangenen Woche hellen das Bild nicht auf, sondern sind wieder interpretationsbedürftig. Ökonomen und Finanzanalysten müssen dabei stets den Zusammenhang von Inflation, Zinspolitik der Notenbanken und Konjunkturverlauf im Auge behalten. Das fällt deshalb noch schwerer als bisher, weil sich die großen Wirtschaftsräume und ihre Finanzmärkte nicht mehr einheitlich entwickeln. Dementsprechend gehen auch die internationalen Marktanalysen auseinander.

Der Londoner Vermögensverwalter M&G kommentiert die jüngste EZB-Entscheidung folgendermaßen: Christine Lagarde hat auf der Pressekonferenz deutliche Signale ausgesendet, die auf eine Änderung der aktuellen Geldpolitik hindeuten. Der jetzige, einstimmig beschlossene Zinsschritt um 25 Basispunkte war zwar keine Überraschung. Für die Zukunft stehen weitere Zinserhöhungen allerdings infrage. Ausschlaggebend für den veränderten Tonfall der EZB sind die zunehmenden Anzeichen dafür, dass die geldpolitische Transmission begonnen hat zu wirken. Der europäische Wirtschaftsmotor kühlt sich allmählich ab. Nach aktueller Datenlage sinken die Investitionen vor allem im Wohnungsbau. Außerdem ist die Nachfrage nach Krediten nicht nur stark rückläufig, sondern inzwischen sogar auf einem Rekordtief – und zwar sowohl bei den Unternehmen als auch bei den privaten Haushalten. Das verarbeitende Gewerbe in Europa erscheint in einem sehr schwachen Zustand, und Umfragen deuten auf einen sich beschleunigenden Rückgang hin.

Die Inflation ist noch zu hoch

Auf der anderen Seite ist die Inflation insgesamt immer noch zu hoch. Das gilt vor allem für den Dienstleistungssektor mit seiner nach wie vor hohen Nachfrage nach Arbeitskräften. Diese Zweigleisigkeit der Wirtschaft zwischen Dienstleistungen und der Industrie bringt die EZB in eine Zwickmühle. Aus diesem Grund betont Christine Lagarde die Abhängigkeit ihrer Entscheidungen von der Entwicklung der Datenlage. Damit behält sie alle Optionen in der Hand. Es gibt jedoch viele potenzielle Probleme, und so gilt es vor allem die Inflationszahlen genau im Auge zu behalten – denn jede Überraschung könnte einen Schock auslösen.

Fehlendes Finanzwissen kostet Sparern viel Geld

Was den Experten Kopfzerbrechen bereitet, muss die Laien erst recht überfordern. Kein Wunder, wenn entsprechende Erhebungen zeigen, dass es vielen Bundesbürgern an ausreichendem Know-how fehlt. Geringe Finanzkompetenz kann einen durchschnittlichen Haushalt in Deutschland jedes Jahr rund 2.300 Euro kosten – das hat eine neue Studie der Allianz ergeben. Über einen Zeitraum von zehn Jahren könnten sich die finanziellen Folgen geringer Finanzkompetenz demnach auf bis zu 36.663 Euro aufaddieren im Vergleich zur durchschnittlichen Finanzkompetenz. Im Rahmen der Studie wurden jeweils mehr als 1.000 Personen in Deutschland und in sechs weiteren Ländern befragt, um ihr Wissen über finanzielle Grundlagen wie Zinssätze, Inflation sowie Anlagerisiken und -erträge zu testen.

Die Ergebnisse zeigen, dass mehr als ein Viertel oder 28 % der Deutschen nur eine „geringe Finanzkompetenz“ aufweist. Sie verfügen demnach nicht über das Wissen und die Fähigkeiten, um solide finanzielle Entscheidungen zu treffen. 56 % haben der Studie nach ein durchschnittliches Finanzwissen, und nur 16 % der Testpersonen zeigten ein hohes Finanzwissen. Dies entspricht in etwa den Ergebnissen in den anderen untersuchten Ländern. Interessant: Zwei Drittel (66 %) der global Befragten schätzen ihr Wissen über Finanzmärkte und Investieren geringer ein als das des Durchschnitts. „Geringe Finanzkompetenz tut richtig weh“, sagt Ludovic Subran, Chefökonom der Allianz, dem man nur zustimmen kann: Die gute Nachricht aber ist, kluge Finanzentscheidungen zu treffen, ist keine Raketenwissenschaft. Wenn man sich grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten aneignet, kann man bereits von einer geringen zu einer durchschnittlichen Finanzkompetenz gelangen und deutlich mehr Geld im Portemonnaie haben.

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