Bleiben Sie sachlich!

von | 20. Juni 2022 | Kutzers Corner

Es ist viel passiert – und wird noch viel geschehen im Umfeld der Finanzmärkte. Trotzdem brauchen Sie Ihre langfristige Strategie nicht grundlegend zu ändern, geschätzte Anleger. Das mag sie überraschen. Doch gibt es heute und voraussichtlich auch morgen keine attraktive Alternative zu Sachwerten: Aktien (= Unternehmensbeteiligungen), Immobilien (vor allem für Eigennutzung) und Rohstoffe (Gold und Industriemetalle). Wer nach der Zinswende Sicherheit am Anleihemarkt sucht, wird schnell enttäuscht: Bis zu Staatsanleihen mit Realrenditen ist es angesichts der extrem hohen Inflation ein weiter Weg.

Die professionellen Anlagestrategen geben sich inzwischen viel Mühe, trotz aller Unsicherheit auch Gelassenheit zu verbreiten. Dabei stehen sich Bullen und Bären mit Analysen gegenüber, die jeweils noch vorsichtig und wenig konkret formuliert werden. Typisch sind in dieser Phase die ständigen Korrekturen der Konjunkturprognosen, wie sie die jüngsten Umfragen der Forschungsinstitute bestätigen.

Schwache Aktien bestimmten zuletzt die Szene. Und sie Korrelationen zwischen den Anlageklassen bzw. den einzelnen Sektoren nahmen dabei zu. Auch die Anleiherenditen und die wiederkehrenden Krisen an den Kryptomärkten belasten die Stimmung. Die abwartende Haltung der Anleger wird immer deutlicher. Banker beobachten zunehmend, dass die Anleger auf eine deutliche Senkung der Schätzungen warten, bevor sie ein Unternehmen oder einen Sektor konstruktiver beurteilen.

Höhere Ausschüttungen in Europa

Europäische Unternehmen könnten in Zukunft mehr Mittel für Aktienrückkäufe und Dividenden verwenden. Dafür spricht, dass die Konzerne über hohe Barmittelbestände und mehrheitlich solide Bilanzen verfügen. Die durchschnittliche Free-Cashflow-Rendite liegt im Stoxx 600 bei 6 Prozent, bei Roh- und Grundstoffunternehmen sogar bei über 10 Prozent. Gleichzeitig beträgt die Nettoverschuldung der Indexkonzerne gemessen am Eigenkapital nur zirka 60 Prozent – geringer war sie zuletzt vor etwa 20 Jahren. Zudem könnten die Firmenlenker den jüngsten Rücksetzer an den Börsen als gute Gelegenheit sehen, eigene Aktien günstig aufzukaufen. Das derzeitige Kurs/Gewinn-Verhältnis des Stoxx 600 von 12 liegt nunmehr um 16 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Die zu erwartende Gesamtrendite aus Aktienrückkäufen und Dividenden könnte daher auf fast 5 Prozent steigen.

Hält sich die Konjunktur?

Die deutsche Wirtschaft konnte sich im ersten Quartal 2022 noch über der Nulllinie halten und die Wirtschaftsleistung 0,2 % im Vergleich zum Vorquartal zulegen. Angesichts der anhaltenden Probleme aus hohen Energiepreisen, hoher Inflation, gestörten Lieferketten, Materialengpässen, Arbeitskräftemangel und zunehmenden Zinsbelastungen wird es im zweiten Quartal nicht einfacher für die deutsche Wirtschaft. Daher dürfte auch das Ifo-Geschäftsklima im Juni auf einem niedrigen Niveau verharren, welches die Schwierigkeiten der Unternehmen widerspiegelt. Eine leichte Verbesserung der Geschäftserwartungen würde vor dem Hintergrund des niedrigen Ausgangsniveaus daran nichts ändern.

Depots trennen nach kurz- und langfristigen Aktien

Wie erwartet sind viele Anleger nach den jüngsten Kursstürzen in heller Aufregung: Wie sollte man sich jetzt verhalten? Diese Frage wurde auch mir in den vergangenen Tagen mehrfach gestellt. Analysten beurteilen Wirtschaft und Börse uneinheitlich. Aber nur vereinzelt gibt es Mut machende Aussagen für Dax & Co. Andererseits mangelt es nach wie vor nicht an skeptischen Stimmen für die Perspektiven im weiteren Verlauf von 2022 und im kommenden Jahr. Denn die deutsche Wirtschaft ächzt unter hoher Inflation. Das Ende der Fahnenstange könnte dabei aber noch gar nicht erreicht sein. Der Vize-Vorstandschef der Deutschen Bank, Karl von Rohr, hält sogar eine zweistellige Teuerung für möglich. „Unsere Prognose ist, dass wir im Laufe des Jahres bei einer Inflationsrate von 7 bis 8 Prozent liegen werden.“ Für den Fall, dass Energieimporte stärker limitiert würden, „könnten wir sogar 10 Prozent und mehr sehen“.

Stimmungsumfragen gelten noch nicht als Trendwende

Nur leise Hoffnungen auch bei den jüngsten Expertenbefragungen. Sie sehen zwar weniger dunkle Wolken am Konjunkturhimmel. Zahlreiche wirtschaftliche Risiken wie die Folgen der Sanktionen gegen Russland, die unklare Corona-Lage in China und der allmähliche Kurswechsel bei der Geldpolitik bleiben jedoch bestehen. Daher haben sich die Erwartungen zwar verbessert, liegen aber noch weit im negativen Bereich, heißt es im neuen Konjunkturbericht des ZEW. Das Stimmungsbarometer des Mannheimer Forschungsinstituts verbesserte sich gegenüber dem Vormonat. Auch die aktuelle Lage bewerten die Finanzmarktteilnehmer etwas besser. Die positiven Stimmungswerte der ZEW-Umfrage gelten als ein Lichtblick im aktuell schwierigen Umfeld, aber noch lange nicht als Trendwende.

Jetzt schon wieder (antizyklisch) einsteigen bzw. seine Aktienpositionen verbilligen? Manche befürworten das. Ich warne davor. Das Risiko weiterer Rückschläge auf noch deutlich niedrigere Niveaus ist einfach zu groß. Außerdem ist nicht auszuschließen, dass der Abwärtstrend von längerer Dauer sein wird. Vorschlag: Denken Sie doch einmal darüber nach, geschätzte Anleger, Ihre Aktien nach Ihrem persönlichen Zeithorizont zu trennen. Sinnvoll erscheint mir insbesondere bei größeren Investments, ein Depot für die ganz langfristig angeschafften Werte (mindestens fünf, besser mehr als zehn Jahre) zu reservieren – sozusagen ein „Vorsorgedepot“ fürs Alter. Diese Aktien rühren Sie nicht an, denn dann können Sie auch stärkere Schwankungen aussitzen). Die übrigen Titel wandern in ein separates „Handelsdepot“, mit dem Sie sich am kurz- bis mittelfristigen Auf und Ab der Börsen beteiligen können.

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