Unabhängiger von russischem Gas durch grüne Energien?

1. März 2022 | Markt

Die russischen Angriffe auf die Ukraine bedrohen auch die deutsche Versorgungssicherheit mit Strom und Gas. Zur Reduzierung der Abhängigkeit will die Bundesregierung die Energiewende beschleunigen.

Der Krieg in der Ukraine könnte sich deutlich auf die Energieversorgung in Deutschland auswirken. Denn derzeit bezieht die Bundesrepublik rund 55 Prozent ihrer Gaslieferungen aus Russland. Hinzu kommen etwa 50 Prozent der Kohle und 35 Prozent des Rohöls. Zwar exportiert Russland derzeit noch, trotz der von den westlichen Ländern verhängten Wirtschaftssanktionen, doch langfristig sind Lieferengpässe nicht auszuschließen.

Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) kündigte jetzt Maßnahmen an, um die Abhängigkeit zu verringern, auch wenn die deutsche Versorgungssicherheit selbst bei einem kompletten Lieferstopp aus Russland noch gewährleistet sei. Neben der Diversifizierung der Lieferungen und der Schaffung von Kohle- und Gasreserven rückt er vor allem eine beschleunigte Energiewende in den Fokus. Der Ausbau der erneuerbaren Energien werde zur „Frage der nationalen und europäischen Sicherheit“. Eine Verlängerung der Laufzeiten von Kohle- oder Atomkraftwerken hält Habeck hingegen für ungeeignet, um etwaige Versorgungsengpässe auszugleichen, schreibt das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Klimaneutrale Stromversorgung schon ab 2035

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, ging am Montag die nächste Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes in die Abstimmung zwischen den Ministerien. Demnach soll der Umstieg auf klimaneutralen Strom konkret bis 2035 erfolgen, statt wie bisher „vor 2050“. Damit das gelingt, sollen die Kapazitäten grüner Energieträger massiv ausgebaut werden. 100 bis 110 Gigawatt (GW) Windkraft an Land bis 2030 sieht das neue Gesetz vor, das Doppelte der bisher installierten Leistung. Bei der Windenergie zur See sind 30 GW geplant, etwa viermal so viel wie aktuell. Auch die Leistung von Solaranlagen soll sich nahezu vervierfachen, auf 200 Gigawatt. Daneben sind höhere Vergütungen für Solaranlagen auf Dächern vorgesehen sowie eine Abschaffung des umstrittenen „atmenden Deckels“. Dieser senkt die Fördersätze für erneuerbare Energien bei starkem Marktwachstum und hohem Zubau.

Ein weiteres geplantes Gesetz entlastet zudem Stromkunden: Ab Juli soll die Ökostrom-Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energien durch den Bund und nicht mehr durch private Verbraucher über die Stromrechnung finanziert werden. Ursprünglich sollte dieser Schritt erst Anfang 2023 erfolgen.

Kritik gibt es der Zeitung Welt zufolge an Habecks Vorhaben, trotz der veränderten Situation am vorgezogenen Kohleausstieg bis 2030 festzuhalten. Denn mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung werde die deutsche Abhängigkeit von Gas noch einmal wachsen. Viel Zustimmung erfährt indes der geplante Ausbau grüner Energieträger. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) etwa nannte die erneuerbaren Energien „Freiheitsenergien“, weil sie Deutschlands Abhängigkeiten lösen.

Das mag im Fall von Russland zutreffen. Der Ausbau grüner Energien geht jedoch mit einem gesteigerten Verbrauch bestimmter Rohstoffe einher, die zum Großteil in China produziert werden. Das Seltenerdmetall Neodym ist zum Beispiel ein wichtiger Bestandteil von Windkraftanlagen, die Technologiemetalle Indium und Gallium werden für zahlreiche Photovoltaikanlagen benötigt. Eine beschleunigte Energiewende könnte dafür also zunächst die Abhängigkeit von der Volksrepublik erhöhen.

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