Rohstoffknappheit kann noch lange dauern

28. März 2022 | Kutzers Corner

Die Viruspandemie ist noch nicht vorbei. Die massiven Störungen im Welthandel mit dem Bruch wichtiger Lieferketten nehmen zu. Die konjunkturelle Schwäche wird immer deutlicher spürbar. Dabei stehen Inflationsanstieg und Zinswende erst am Anfang. Dazu der von Putin entfachter Angriffskrieg im Osten Europas, dessen Verlauf und Folgen nicht absehbar sind. Schlimme Zeiten. Klar erkennbar ist allerdings, wie eng die Welt inzwischen vernetzt ist. Und das auf allen Ebenen. Beim Blick auf die wirtschaftlichen Zusammenhänge beginnt die Globalisierung schon auf der Basis – bei den Rohstoffen. Sie sind jetzt (wie lange nicht mehr) in den Vordergrund gerückt, angeführt von den Energieträgern Öl und Gas, deren Preise förmlich explodieren.

All das beschäftigt nicht nur die hohe Politik, sondern auch Volkswirte und Analysten auf der Suche nach den konkreten Folgen sowie den Chancen und Risiken für Investoren. Rohstoffe sind ja keine einheitliche Anlageklasse, Erdgas und Weizen nicht vergleichbar. Die Preise als Ausdruck von Angebot und Nachfrage hatten aber aus unterschiedlichen Gründen schon vor dem völlig unerwarteten Angriff der Russen auf die Ukraine aufwärts tendiert. Diese Entwicklung ist mittlerweile unter Verstärkung intensiver geworden. Und es fällt dem Beobachter auf, dass sich mehr Marktteilnehmer als zuvor mit Rohstoffen auseinandersetzen – dabei nicht nur mit Energie und Edelmetallen.

Weiter steigende Preise erwartet

Derzeit ist kein Ende des Ukraine-Kriegs in Sicht, lese ich in Marktbetrachtungen internationaler Investmentstrategen. Wie sich die Krisen auswirken? Zwar hatte sich die Stimmung an den Finanzmärkten in der zurückliegenden Woche etwas beruhigt. Der anfängliche Versuch, den Blick vom Konflikt in der Ukraine loszulösen, erwies sich aber als vorschnell. Bedauerlicherweise ist derzeit keine Beilegung des Konflikts in Sicht, was abgesehen von der schrecklichen humanitären Tragödie bedeutet, dass die Märkte weiterhin mit erhöhter Unsicherheit, steigenden Rohstoffpreisen und drohenden Stagflationsrisiken für die Weltwirtschaft, insbesondere die europäischen Volkswirtschaften, rechnen müssen. Darüber hinaus haben sich trotz der anfänglich positiven Reaktion der Aktienmärkte auf die Fed-Sitzung in der vergangenen Woche die Zweifel an einer Erholung zurückgemeldet. Der Anstieg der Energiepreise bedeutet, dass die Inflation länger höher bleiben wird, wobei der lang erwartete Wendepunkt weiter in die Zukunft verschoben wird.

Größere Angebotslücke zu befürchten

Edgar Walk, Chefvolkswirt der Frankfurter Metzler Asset Management, hat jetzt eine interessante Analyse vorgelegt, die neben Angebot und Nachfrage ebenfalls den Zeitfaktor behandelt: Die Rohstoffknappheit kann noch lange Zeit anhalten. Ein Stagflations- oder Angebotsschock bedeutet, dass das Angebot an Gütern und Dienstleistungen gegenüber der Nachfrage sinkt. Die Folge ist, dass die Nachfrage nicht bedient werden kann und die Preise steigen. Der Stratege geht davon aus, dass durchaus das Risiko eines solchen Schocks besteht. Deshalb hat er schon zum Jahresanfang 2022 die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft um 0,9 Prozentpunkte reduziert und die Inflationsprognose um 1,5 Prozentpunkte erhöht. Eine Rezession wird aber für das laufende Jahr noch nicht gesehen.

Später globale Rezession möglich

„Für die kommenden Jahre sehen wir allerdings das Risiko einer noch größeren Angebotslücke und daraus folgend einer globalen Rezession“, schreibt Walk weiter. Die globalen Lieferketten sind immer noch gestresst, und eine Entspannung ist aufgrund der aktuellen zweiten Corona-Welle in China nicht in Sicht. Das größere Problem ist jedoch eine fundamentale Knappheit an Rohstoffen: Seit 2014 sind die Investitionsausgaben der Öl- und Gasunternehmen sowie der Bergbauunternehmen weltweit um etwa 50 Prozent gefallen. Normalerweise sollten die nominalen Investitionsausgaben eigentlich unter Schwankungen tendenziell steigen, wie etwa die globalen Investitionsausgaben des IT-Sektors. Der strukturelle Rückgang der Investitionen seit 2014 ist sehr ungewöhnlich.

Vor der Finanzmarktkrise 2008 gab es im Rohstoffsektor noch einen großen Investitionsboom – veranlasst durch den Wachstumsoptimismus für die Schwellenländer. Die Finanzmarktkrise und der anschließend nur schleppende Aufschwung legten jedoch offen, dass erhebliche Überkapazitäten geschaffen worden waren. Die Investitionsneigung sank folglich, zumal es für Unternehmen aus dem Rohstoffsektor schwierig war, die notwendige langfristige Finanzierung für Investitionsvorhaben zu erhalten, auch vor dem Hintergrund der steigenden ESG-Anforderungen. Die rapide Konjunkturerholung im vergangenen Jahr – nicht zuletzt dank der umfangreichen staatlichen Hilfen in der Pandemie – sorgt nun für eine Überforderung des Angebots an Rohstoffen. Auch wenn die Investitionsausgaben jetzt wieder steigen sollten, dürfte es mindestens drei bis fünf Jahre dauern, bis wieder zusätzliches Angebot an Rohstoffen auf den Weltmarkt kommt. Die Weltwirtschaft wird also in den kommenden Jahren mit einer permanenten Rohstoffknappheit zu kämpfen haben und folglich mit einem hohen Inflationsdruck.

Privatanleger sollten Besonderheiten der Rohstoffmärkte kennen

Solche Perspektiven wecken naturgemäß auch das Interesse von Spekulanten und privaten Anlegern. Diese dürfen aber nicht verdrängen, dass die Preisbildung von Rohstoffen und deren Hintergründe besonders komplex und kompliziert sein können. Viele „Commodities“ werden nicht an international zugänglichen Börsen gehandelt. Überhaupt spielt die Entwicklung des physischen Angebots und der Nachfrage – anders als bei Wertpapieren – eine zentrale Rolle. Wer sich also nicht einem professionellen Händler oder Fondsmanager anvertrauen möchte, sollten sich um möglichst viel spezifisches Know-how bemühen.

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