Mit dem Auf und Ab leben lernen

von | 11. Jul 2022 - 08:07 | Kutzers Corner

Investoren sollten in dieser extrem unsicheren Zeit eine Grundsatzentscheidung treffen: Mache ich die unberechenbaren Stimmungs- und Kursschwankungen an den Finanzmärkten mit oder überspringe ich das kurzfristige Auf und Ab, bis sich wieder längerfristige Trends durchsetzen? Erst die Antwort liefert wertvolle Hinweise für die individuelle Anlagestrategie.

Die institutionellen Marktteilnehmer sind mit ihren Situationsanalysen und Vorhersagen nach wie vor nicht auf einer Linie. Im Gegenteil, die Ansichten (und damit auch die Empfehlungen) gehen noch weiter auseinander als vor ein paar Monaten. Ich selbst bin seit Jahrzehnten schon ein bekennender „Börsen-Bulle“, also eine optimistische Natur. Deshalb neige ich auch nicht zum kurzfristig-spekulativen Denken, sondern setze lieber ein Fernglas auf. Problem in diesem Sommer: Auch die Weitsicht ist vom Nebel verhüllt, da es zu viele zu gravierende Probleme für die Geopolitik und die Weltwirtschaft gibt.

Wenn die Urteile korrigiert werden müssen

Die Kurzlebigkeit von Urteilen zu Konjunktur und Finanzmärkten ist hinderlich, für Privatanleger sogar abschreckend. Dann sind Abwarten und Cash angesagt. Erfahrene Börsianer, die sich zu Selbstentscheidern entwickelt haben, suchen Alternativen durch Tauschoperationen und/oder andere als gewöhnte Anlageinstrumente. Die jüngsten makroökonomischen Daten deuten ebenso wie politische Äußerungen auf eine konjunkturelle Wende in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt hin. Bisher ging der Markt davon aus, dass die US-Konjunktur trotz des steigenden Inflationsdrucks robust bleiben dürfte. Chinas Wirtschaft erlitt dagegen während des Lockdowns in Schanghai im zweiten Quartal 2022 einen starken Schock. Aber stimmt das noch?

Euro kann weiter unter Druck bleiben

In den vergangenen Wochen haben die Sorgen um eine Rezession die Renditen nach unten gedrückt, da die Marktteilnehmer von weniger stark steigenden Zinsen ausgehen. In Bezug auf die US-Wirtschaft sind Fondsmanager teilweise der Ansicht, dass die Wachstumsängste übertrieben sein könnten: Der vergangenen Woche veröffentlichte ISM-Dienstleistungsindex deutet auf ein stabiles Geschäftsklima hin und der Arbeitsmarkt zeigt sich robust. In Europa scheinen die Rezessionsängste deutlich stärker gerechtfertigt. Da in der Eurozone mit einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung zu rechnen ist, dürfte die Europäische Zentralbank die Zinsen nicht so stark erhöhen können wie bisher angenommen – selbst, wenn die Inflation weiterhin überschießt. Die unterschiedlichen konjunkturellen Aussichten dies- und jenseits des Atlantiks könnten den Euro weiterhin belasten. Institutionelle Akteure haben den US-Dollar übergewichtet und halten sogar ein Überschreiten der Parität gegenüber dem Euro in den kommenden Wochen für möglich.

Volatilität der Kurse dürfte hoch bleiben

In den kommenden Wochen dürften sich die Marktbedingungen nicht wesentlich ändern. Die Liquidität ist relativ gering und wird sich mit Blick auf die Sommerferien wahrscheinlich nicht verbessern. Die täglichen Marktbewegungen werden weiterhin überdurchschnittlich stark ausfallen, während es dem Markt insgesamt an Richtung fehlt. Die jüngsten makroökonomischen Daten deuten zwar ebenso wie politische Äußerungen auf eine konjunkturelle Wende in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt hin. Die jüngsten Daten und politischen Äußerungen scheinen diesem Konsens jedoch zuwider zu laufen, betonen internationale Strategen. Makrodaten aus den USA deuteten zuletzt darauf hin, dass sich die Konjunktur rascher als erwartet abschwächt, und verstärkten damit Rezessionsbefürchtungen bei den Skeptikern. Chinas Erholung verläuft dagegen problemloser als erwartet. Das Land bekommt den Covid-19-Ausbruch unter Kontrolle, und bei den Unternehmen und im Logistiksektor kehrt allmählich wieder Normalität ein.

Was die neue Woche bringt

Die Daten der kommenden Woche werden uns mehr Aufschluss über die Wachstums- und Inflationsentwicklung in den USA und China geben. Am Mittwoch werden die chinesischen Außenhandelsdaten für Juni veröffentlicht. Nach dem überraschend kräftigen Anstieg im Mai direkt nach dem Ende des Lockdowns in Schanghai wird jetzt ein moderateres Exportwachstum erwartet. Außerdem stehen der Verbraucherpreisindex (VPI) für die USA und die Kernrate des Verbraucherpreisindex an. Für Deutschland und Euroland werden die Konjunkturprognosen nach unten korrigiert. Am Dienstag kommen die monatlichen ZEW-Zahlen – deutsche Volkswirte rechnen mit weitere abgeschwächten Konjunkturerwartungen.

Die Bekanntgabe der US-Verbraucherpreise für Mai hatte vor einem Monat für ein mittleres Erdbeben an den Kapitalmärkten gesorgt. Im Juni dürften die Preise sogar noch kräftiger gegenüber dem Vormonat angestiegen sein als im Mai. Immerhin wird mehrheitlich mit solch einem Anstieg gerechnet. Die Märkte sollten dementsprechend hierauf vorbereitet sein. Der Preisschub kam im Juni vor allem aus dem Energiebereich. Aber auch Nahrungsmittel dürften sich weiterhin sehr kräftig verteuert haben. Lässt man diese beiden Bereiche außen vor, dann dürften die Preise zwar weniger deutlich als im Monat zuvor angestiegen sein und die Inflationsrate dürfte sogar zum dritten Mal in Folge fallen. Aus Sicht der Fed bleibt die Preisdynamik viel zu hoch.

Gewinnt Chinas Erholung weiter an Kraft?

Der harte Lockdown in Shanghai und anderen Städten Chinas hat die Wirtschaftsentwicklung im zweiten Quartal massiv belastet. Beobachter erwarten, dass das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 1,5 % gegenüber dem Vorjahresquartal gewachsen ist, nachdem das Wachstum im ersten Quartal noch bei 4,8 % gelegen hatte. Der Tiefpunkt der Entwicklung war im April erreicht worden und die Erholung hat im Juni noch an Kraft gewonnen. Ohne neue umfassende Lockdowns können die Konjunkturhilfen in den kommenden Monaten endlich wirken. Allerdings sind in ersten Städten zuletzt schon wieder Beschränkungen verhängt worden, sodass der Aufschwung mit Fragezeichen versehen ist.

2030 oder 2050 Klimaneutralität