Der Pakt mit dem südamerikanischen Staatenbund könnte langfristig auch die europäische Rohstoffversorgung auf eine breitere Basis stellen.
Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen ist der Weg frei für das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Am Freitag signalisierten die Botschafter der 27 EU-Mitgliedstaaten ausreichende Unterstützung, wie Medien aus Diplomatenkreisen erfuhren. Bis heute Nachmittag müssen die Regierungen das Votum bestätigen, auch hier gilt die Zustimmung einer Mehrheit als sicher. Bereits kommende Woche wollen EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa für die Unterzeichnung nach Paraguay fliegen, das neben Argentinien, Brasilien und Uruguay dem Verbund angehört.
Die jahrelangen Verhandlungen waren von Konflikten geprägt und immer wieder ins Stocken geraten. Nach einer politischen Einigung Ende 2024 (wir berichteten) verschob sich die Unterzeichnung gut ein Jahr später abermals, Hintergrund waren Proteste von Landwirten in Ländern wie Frankreich, Italien und Polen.
Mit dem Abkommen wird nach Angaben der EU die größte Freihandelszone der Welt mit über 700 Millionen Einwohnern entstehen. Sie würde fast 20 Prozent der Weltwirtschaft und mehr als 31 Prozent der globalen Warenexporte ausmachen. Allein auf Seiten der EU könnten Exporteure jährlich über vier Milliarden Euro an Zöllen einsparen.
Das Rohstoffpotenzial Südamerikas
Befürworter des Abkommens erhoffen sich auch einen besseren Zugang zu kritischen Rohstoffen für Europas Schlüsselsektoren. So zählen etwa Argentiniens Vorkommen des Batteriemetalls Lithium zu den größten der Welt. Brasilien beheimatet die größten Reserven Seltener Erden nach China, der dort verbreitete Lagerstättentyp enthält zudem hohe Konzentration der besonders begehrten schweren Seltenen Erden. Zum Mercosur-Bund gehört mittlerweile auch das rohstoffreiche Bolivien, das allerdings noch nicht von dem Freihandelsabkommen profitieren kann. Die genannten Länder wollen ihre Produktion kritischer Rohstoffe deutlich ausbauen und dabei ihre lokale Wertschöpfung stärken. Die EU positioniert sich bei diesem Vorhaben verstärkt als verlässlicher Partner für Südamerika. Auch Kooperationen zwischen Unternehmen beider Regionen nehmen an Fahrt auf.
Dem großen Potenzial stehen jedoch viele Herausforderungen entgegen. Nach der geplanten Unterzeichnung des Abkommens fehlen unter anderem noch die Zustimmung des EU-Parlaments und die Ratifizierung durch die Mitgliedstaaten, diese Prozesse könnten Jahre dauern. Ebenfalls sehr zeitintensiv gestalten sich aller Erfahrung nach die Erfüllung von Umweltauflagen, der Aufbau notwendiger Infrastruktur und die Genehmigung für neue Bergwerke sowie Verarbeitungsanlagen. Zudem besteht ein starker Wettbewerb; vor allem China ist in Südamerika schon lange aktiv und hat sich durch Investitionen, Abnahmeverträge und Infrastrukturprojekte strategische Positionen gesichert. Besonders bei Lithium, Kupfer, Nickel und Seltenerdmetallen ist China häufig sowohl Kapitalgeber als auch Technologiepartner. Die Unterzeichnung des Mercosur-Abkommens markiert also einen entscheidenden Schritt für Europas Rohstoffdiversifizierung, ein Selbstläufer ist es indessen nicht.
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