Ein Blick nach Indien: 1,4 Milliarden Menschen gegen den Klimawandel

von | 10. Aug 2023 - 12:10 | Wissen

Indien gehört zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern. Der Nordwesten und Zentralindien verzeichneten im vergangenen Jahr den heißesten April seit 122 Jahren, stellenweise stiegen die Temperaturen auf über 46 Grad Celsius. Die immer häufiger auftretenden Hitzewellen lassen den Energiebedarf weiter ansteigen, so etwa für Klimaanlagen, deren Anzahl sich Berechnungen zufolge bis 2050 in dem Land vervierfachen wird. Den notwendigen Strom erzeugt der Subkontinent überwiegend durch Kohlekraft, ein Faktor, der ihm Platz drei der größten CO₂-Verursacher beschert hat.

Der Energiehunger, der sich seit dem Jahr 2000 bereits verdoppelt hat, wird noch weiter zunehmen, denn im Frühjahr dieses Jahres hat Indien China als bevölkerungsreichstes Land abgelöst. Und seit 2019 rühmt sich das Land damit, dass der Zugang zu Elektrizität jedem Einwohner und jeder Einwohnerin möglich ist, also etwa 1,4 Milliarden Menschen.

Gleichzeitig erlebt das Land einen wirtschaftlichen Boom, der ebenfalls energieintensiv ist. Um diesen Aufschwung nicht abzuwürgen, will Premierminister Modi auch künftig auf die Kohleverstromung setzen, trotz des Ausbaus Erneuerbarer Energien, die Indien bereits zum drittgrößten Produzenten von Solarenergie gemacht hat. Erst bis 2070 strebt das Land net-zero an, also die Klimaneutralität, zehn Jahre später als das ebenfalls stark auf fossile Brennstoffe setzende China. Angesichts der dramatischen Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels erscheint dies wenig ambitioniert. Die Unternehmensberatung Deloitte kommt in einer Studie zu der Einschätzung, dass auf das Land in den nächsten 50 Jahren zusätzliche Kosten von 35 Billionen US-Dollar zukommen könnten, wenn zu wenig gegen die Auswirkungen der massiven Veränderungen getan würde, die sich abzeichnen. Doch Indien ist bei weitem nicht untätig und entwickelt eine Vielzahl an Ideen und Maßnahmen, um seine Bevölkerung zu schützen. Einige davon stellen wir vor.

Kühle Dächer senken den Stromverbrauch

Im Bundesstaat Telangana im südlichen Zentralindien wird auf ein einfaches, aber wirksames Mittel zurückgegriffen: Farbe. Denn der Anstrich eines Hauses, insbesondere des Daches, hat Auswirkungen auf die Hitzeentwicklung darunter. So reflektiert ein weiß getünchtes Dach deutlich mehr Sonnenlicht als ein dunkles, entsprechend niedriger ist die Wärmentwicklung. Zwei bis fünf Grad kälter können die Innenräume in der Folge sein. Dadurch sind wiederum Einsparungen bei der Nutzung von Klimageräten möglich, der Stromverbrauch sinkt um bis zu 20 Prozent.

Cool Roof - Weißes Dach
Kühlendes Weiß – Einfach und effektiv. – Photo: iStock/Andrei Nasonov

Telangana will sich für die kühlen Dächer in diesem Jahr konkrete Ziele setzen. Für bestehende Regierungsgebäude und neue Bauprojekte mit einer Fläche von über 500 Quadratmetern sollen die Dächer verbindlich werden. Bis 2030 könnten 300 Quadratkilometer Dachfläche in Telangana derartig kühlend gestaltet sein, davon allein 200 Quadratkilometer in Hyderabad, der Hauptstadt des Bundesstaates. Dies ist ein wichtiger Schritt, denn fast die Hälfte der Einwohner des dicht besiedelten Bundesstaats lebt in Städten, wo der Effekt der Hitzeinsel besonders ausgeprägt ist. Die Flächenversiegelung und dicht gedrängte Gebäude schaffen ein Mikroklima, bei dem keine nächtliche Abkühlung Linderung schafft und der Bedarf an künstlicher Kühlung immer weiter steigt. Die Kosten für die relativ simple Nachrüstungsmaßnahme belaufen sich auf etwas mehr als drei Euro pro Quadratmeter Dachfläche und amortisieren sich bereits nach zwei Jahren. Initiativen wie der Mahila Housing Trust (MHT) arbeiten gleichzeitig daran, den Ärmsten des Landes ebenfalls auf diese Weise zu helfen. Denn trotz der beachtlichen Erfolge bei der Bekämpfung der Armut – 415 Millionen Menschen haben die komplette Mittellosigkeit überwunden – leben noch etwa 16 Prozent der Bevölkerung in ärmlichen Verhältnissen.

Auch die Landwirtschaft muss sich anpassen

Reiskörner
Reis: Lebensgrundlage vieler Menschen – Photo: iStock/Charliestockis

Doch nicht nur die Art, wie die Bevölkerung lebt, sondern auch, wie sie sich ernährt, wird sich anpassen müssen, wenn das Klima wärmer und zunehmend unberechenbar wird. So verändern sich die Zyklen des Monsuns und die mit diesem Wind einhergehenden Niederschläge, die 60 Prozent der Anbaufläche mit dem notwendigen Wasser versorgen. Teilweise fällt der Monsunregen schwach aus, ein anderes Mal vernichten schwere Regenfälle die Ernte. Als Gegenmaßnahme hat Premierminister Narendra Modi vor zwei Jahren 35 neue und vor allem klimaresistente Pflanzensorten vorgestellt. Entwickelt wurden sie vom Indischen Rat für landwirtschaftliche Forschung (ICAR), der damit zusätzlich gegen die Mangelernährung angehen wird, die vor allem Kinder in dem riesigen Land trifft. Doch nicht nur von neuen Sorten erhofft man sich eine Verbesserung der Situation, sondern gleichermaßen von dem Rückgriff auf alte Pflanzenvarietäten. Sie wichen einst den Hybridsorten, die höhere Erträge versprachen, aber den veränderten Rahmenbedingungen weniger entgegensetzen können.

Der Klimawandel bedroht auch die lebensnotwendige Infrastruktur

Der unberechenbare Wechsel zwischen Dürre und Überflutungen stellt auch für die Infrastruktur Indiens eine gewaltige Herausforderung dar. In ländlich geprägten Gebieten wie dem Bundesstaat Madha Pradesh bestehen viele Verkehrswege aus Schotter. Sie sind besonders anfällig für Unterspülungen. Sind sie nicht mehr befahrbar, ist die Bevölkerung abgeschnitten vom Zugang zu Gesundheit, Bildung etc. Ohnehin sind die schlechten Straßen ein Faktor, der die wirtschaftliche Entwicklung der Region bremst. Längere Reisezeiten und ein höherer Kraftstoffverbrauch sind weitere Auswirkungen, wie die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank zu Bedenken gibt. Gemeinsam mit der Weltbank unterstützt sie Indien daher bei der Ertüchtigung des Straßennetzes. Die Wetterextreme machen auch vor den indischen Metropolen nicht Halt, so gab es in der Vergangenheit immer wieder Berichte über schmelzende Straßenbeläge.

Nah am und auf Wasser gebaut: Mumbai – Photo: iStock/Murtaza Tohfafarosh

Vor einer weiteren besonderen Herausforderung steht derweil die Millionenstadt Mumbai. Der steigende Meeresspiegel bedroht die wichtigste Hafenstadt und das wirtschaftliche Herz Indiens. Große Teile der Megacity wurden dem Meer durch künstliche Landgewinnung abgerungen und liegen unter der Hochwassermarke. Steigt der Meeresspiegel und gelangt Salzwasser in diese Gebiete, werden nicht nur Süßwasserquellen verunreinigt und landwirtschaftliche Nutzflächen geschädigt, sondern ein ganzes Ökosystem bedroht. Ohne Gegenmaßnahmen könnte der Süden der Stadt bis 2050 größtenteils überflutet sein, 24 Kilometer des Straßennetzes und knapp 1000 Gebäude wären davon betroffen. Küstenstädte wie Chennai, die sechstgrößte Stadt des Landes, oder Kochi teilen ein ähnliches Schicksal. Indien steht also vor einer gewaltigen Aufgabe im Kleinen und im Großen. Festzustellen ist jedoch ein wachsendes Bewusstsein der Bevölkerung für den Klimawandel und seine Auswirkungen, wie eine Untersuchung der Yale University ergab. Gute Voraussetzungen, um im Kampf gegen die globale Erwärmung die Schlüsselrolle zu übernehmen, die das World Economic Forum dem Land attestiert. Jegliche Erfolge dabei können demnach als Blaupause für andere Volkswirtschaften dienen.

Wie geht man rund um den Globus mit den Herausforderungen des Klimawandels um? Klicken Sie dazu auf die einzelnen Bilder:

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