Die nachhaltige Krise

von | 13. Juni 2022 | Kutzers Corner

Die Welt ist ein „multimorbider“ Patient geworden – ein Begriff aus der Medizin, den viele Finanzmarkt-Akteure offenbar nicht kennen. Zwar hat es zuletzt einige heftige Kursrückschläge gegeben. Doch konzentriert sich die Diskussion der meisten Profis auf Inflation und Zinspolitik. Den Krieg in der Ukraine verfolgt man natürlich (dafür sorgen schon die Medien) mit Wut im Bauch. Aber spiegelt die Börse tatsächlich diesen Konflikt wider? Ich sehe das nicht. Multimorbide Patienten leiden unter dem Zusammentreffen mehrerer (meist gravierender) Krankheiten.

Wir müssen also nicht mit einer einzigen Krise fertig werden. Corona, Geldwertschwund, Staatsverschuldung, Konjunkturschwäche und Lieferkettenbrüche bilden schwerwiegende Belastungen. Noch viel schlimmer ist jedoch der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Ich möchte das förmlich hinausschreien: Wir haben Krieg in Europa, vor unserer Tür. Kriegstreiber ist eine Weltmacht – eine Atommacht! Das Ende ist nicht abzusehen, die Folgen sind unberechenbar. Da sich die einzelnen Konflikte gegenseitig infizieren, drohen aus heutiger Sicht düstere Zeiten – geopolitisch und weltwirtschaftlich. Man könnte von einem nachhaltigen Krisen-Konvolut sprechen.

Niedriges Wachstum, hohe Inflation

Im Folgenden habe ich einige kompetente Stimmen zu den jüngsten Entwicklungen zusammengetragen. Russlands Krieg gegen die Ukraine kommt die ganze Welt teuer zu stehen, heißt es im OECD-Wirtschaftsausblick. Die Erholung der pandemiegeschwächten Konjunktur wurde sofort gebremst. Die Weltwirtschaft ist damit auf einen Pfad niedrigeren Wachstums und höherer Inflation geraten. Laut den neuen Projektionen des Ausblicks wird sich das weltweite Wachstum dieses Jahr drastisch auf 3 Prozent verlangsamen.

EZB kommt mit Zinswende zu spät

Die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) hat Ifo-Präsident Clemens Fuest als einen richtigen Schritt bewertet, der aber zu spät kommt. Es war nicht akzeptabel, dass die EZB bei einer Inflation von 8 Prozent bis heute an Negativzinsen und Anleihenkäufen festgehalten hat. Die Preissteigerungen betreffen nicht nur Energie und Lebensmittel, sie gewinnen an Breite. Das hat auch Folgen für die Fiskalpolitik. Die Regierungen der Euro-Länder müssen nun aufpassen. Zusätzliche Staatsschulden sind angesichts der schon durch Corona stark erhöhten Schuldenstände sowie der aktuellen Angebotsverknappung und Zinssteigerungen gefährlich. Es sei wichtig, neue Aufgaben wie die Unterstützung der Ukraine oder steigende Rüstungsausgaben stärker durch Ausgabenumschichtungen zu finanzieren.

Stagflation nicht ausgeschlossen

Londoner Finanzmarkt-Akteure sehen Abschwächung der Konjunktur und wollen ein Stagflations-Szenario nicht ausschließen. Der Zustand der Weltwirtschaft verschlechtert sich. Manche Analysten vertreten die Meinung, die Fed müsse die Zinsen deutlich erhöhen, um den Preisanstieg zu bremsen – doch könnte das sogar zu einer Rezession führen. Der pandemiebedingte Lieferkettenschock und der Ukraine-Krieg liegen jedoch außerhalb des Einflussbereichs der Zentralbank. „In diesem Umfeld müssen wir wohl Glück haben, um eine Stagflation zu vermeiden, die lange andauern könnte“, heißt es in der City. Und den Anlegern wird auf den ungewissen Weg mitgegeben: In einem inflationären Umfeld müssen sich die Anleger auf Aktien konzentrieren, die Cash-flow generieren, Dividenden zahlen und über reale Vermögenswerte verfügen. Das erwartete künftige Ertragswachstum wird bei einem höheren Abzinsungssatz weniger Wert haben. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die Zinssätze umkehren, wird sich nur ein kleiner Prozentsatz der derzeitigen Wachstums-Lieblinge erholen, und es wird eine neue Gruppe schnell wachsender Unternehmen entstehen.

Was kommt in der neuen Woche auf die Märkte zu?

Am Dienst wird die neue monatliche ZEW-Konjunkturumfrage erwartet. Die konjunkturelle Lage in Deutschland ist nicht rosig. Immer mehr Konjunkturindikatoren enttäuschen die Consensus-Erwartungen, immer mehr Prognosen werden weiter nach unten revidiert. Letzteres ist auf Probleme in den globalen Lieferketten und explodierende Preise bzw. Kosten zurückzuführen. Gleichzeitig sind die Kurse an den Aktienmärkten tendenziell gestiegen. In diesem Umfeld haben die Finanzmarktanalysten in der kürzlichen Sentix-Umfrage ihre Konjunkturerwartungen und die Beurteilung der konjunkturellen Lage überraschend nach oben genommen. Für die Konjunkturumfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erwarten Frankfurter Banker eine entsprechende Entwicklung.

Der nächste Fed-Zinsentscheid steht für Mittwoch an.  Die US-Notenbank ist weiterhin bestrebt, das Leitzinsniveau möglichst rasch in den neutralen Bereich anzuheben. Denn nur hierdurch lassen sich mittelfristig bestehende Inflationsrisiken begrenzen. Daher wird die Fed bei diesem Zinsentscheid zum zweiten Mal in Folge das Leitzinsintervall um 50 Basispunkte anheben. Bei diesem Zinsentscheid wird es auch eine Aktualisierung der makroökonomischen Projektionen geben. In der Tendenz dürfte der Konjunkturausblick nach unten und der Inflationsausblick nach oben revidiert werden. Mit Fragen zur Belastung der Wirtschaft durch die bisherige geldpolitische Straffung dürfte der Fed-Chef in der anschließenden Pressekonferenz konfrontiert werden. Insgesamt dürfte die Fed bestrebt sein, alles zu unterlassen, was zu einem Anstieg der Inflationserwartungen führen könnte.

Die Bank of England ist zinspolitisch wieder am Donnerstag an der Reihe. Zum fünften Mal in Folge dürften die Briten Leitzins bei diesem Zinsentscheid im Juni anheben – von 1,00 % auf 1,25 %. Wie stark die Meinungen innerhalb des geldpolitischen Komitees divergieren, wird das Abstimmungsverhältnis zeigen. Trotz der hohen Inflation, die in der Spitze ab Herbst bei 10 % erwartet wird, dürften größere Leitzinsschritte von 50 Basispunkten weiterhin keine Mehrheit finden. Nachdem sich die langfristigen Inflationserwartungen auf hohem Niveau stabilisiert haben, muss die BoE die Belastungen einer weiteren geldpolitischen Straffung für die Wirtschaft stärker ins Kalkül einbeziehen.

Kein Optimismus für die Börsen

Vor diesem Hintergrund macht es kaum Sinn, eine konkrete Börsenprognose zu formulieren. Einen Trost möchte ich Ihnen, geschätzte Anleger, aber mitgeben: „Die Krise ist der Nährboden grundsätzlicher Veränderung.“ Mögen Frieden und Freiheit am Ende herauskommen. Und wer jetzt unbedingt neue Engagements eingehen möchte, sollte sich nach wie vor auf Aktien, Gold und andere Rohstoffe beschränken.

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