Das Jahr der kritischen Lieferketten – Der Rohstoff.net Rückblick 2021

30. Dezember 2021 | Markt

Genau wie das Vorjahr stand 2021 unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Deutlich wie vielleicht nie zuvor wurden die Komplexität und die Anfälligkeit der globalen Rohstoff- und Warenströme in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Gleiches gilt für die starke Abhängigkeit von Asien, insbesondere von China, der Werkbank der Welt und dem Hauptexporteur vieler Rohstoffe. Der Ausbau der Elektromobilität und die angestrebte Energiewende erhöhten zudem die Sensibilität dafür, dass diese Abhängigkeit zukünftig noch deutlich steigen wird.

Mangelware Halbleiter

Gemangelt hat es im ablaufenden Jahr vor allem an Halbleiterchips. Betroffen waren zahlreiche Branchen, besonders massiv litt allerdings die Autoindustrie an der Knappheit der elektronischen Bauteile, die in modernen Fahrzeugen unterschiedlichste Funktionen steuern. Das Problem war teilweise hausgemacht, denn die Autobauer reduzierten aufgrund der geringeren Nachfrage im Vorjahr Chipbestellungen, wurden dann aber von der schnell anziehenden Kauflust der Verbraucher überrumpelt. Chiphersteller hatten in der Zwischenzeit andere Abnehmer für ihre Waren gefunden.

Um Fahrzeuge dennoch ausliefern zu können, gingen Hersteller wie Porsche in diesem Sommer sogar dazu über, teilweise Platzhalter ohne Funktion zu verbauen, die später gegen echte Chips umgetauscht werden sollen. Manche Werke, wie etwa das von Opel in Eisenach wurden sogar vorrübergehend stillgelegt.

210 Mrd. Dollar werde der Mangel die Automobilindustrie kosten, lautet eine häufig zitierte Prognose der Beratungsfirma AlixPartners. Dabei ist das Ende der Krise noch nicht absehbar. Experten rechnen sogar mit Engpässen bis 2023. Generell dürfte die Nachfrage nach Chips noch weiter zunehmen, denn in diesem Jahr häuften sich die Bekenntnisse der Autohersteller zur ungleich chip-hungrigeren E-Mobilität. Gleichzeitig machte die Politik Druck: So will etwa die EU-Kommission die Neuzulassung von Verbrennern ab 2035 verbieten.

Autohersteller stehen nun also vor einer ganzen Reihe Herausforderungen. Denn in den Motoren der E-Autos werden überwiegend Permanentmagneten aus Seltenen Erden verbaut. Sie stammen ebenfalls vorwiegend aus China. Diese Marktmacht hat die Europäische Rohstoffallianz (ERMA) entsprechend zu einem Apell an die Politik bewogen, die aktiv werden müsse, damit die Autoindustrie nicht in Richtung der Rohstoffquellen abwandere.

Unabhängigkeitsbestrebungen

Überhaupt war die Forderung nach mehr Unabhängigkeit in der Rohstoffversorgung in diesem Jahr immer wieder zu vernehmen. Zahlreich waren gleichermaßen die Meldungen über die (geplante) Erschließung neuer Rohstoffvorkommen. Angola, Australien, Kanada, Tansania, aber auch die USA in Form der altbekannten Mountain Pass Mine – bis Mitte der 1990er Jahre das weltweit wichtigste Seltenerdvorkommen – schickten sich an, die chinesischen Vormacht zu brechen; zumindest teilweise. Das bleibt im Reich der Mitte selbstverständlich nicht unbeachtet. Hinter der angekündigten Fusion der staatseigenen Seltenerdunternehmen dürfte nicht zuletzt der Versuch stehen, die eigene Marktposition zu festigen und auszubauen. Zitiert wurde in diesem Zusammenhang ein Ausspruch des Ministers für Industrie und Informationstechnologie, Xiao Yaqing: “Our rare earths did not sell at the ‘rare’ price but sold at the ‘earth’ price[…].“ Die Seltenen Erden wurden also zum Preis von Erde verkauft, unter anderem weil sich die verschiedenen Unternehmen gegenseitig Konkurrenz machen würden, so der Minister.

Dies dürfte sich durch den Zusammenschluss künftig ändern und die Preise steigen, so Analysten. Auch, weil China die Rohstoffe nicht mehr nur fördern, aufbereiten und exportieren will, sondern zusätzlich an den nachgelagerten Stufen der Wertschöpfungsketten verdienen möchte, also an fertigen Produkten. Dazu gehören etwa Elektrofahrzeuge oder Anlagen zur Erzeugung Erneuerbarer Energien.

Um den Bedarf der verarbeitenden Industrie dafür zu decken, ist das Land auch auf den Import Seltener Erden angewiesen, so zum Beispiel aus Myanmar, von wo die Hälfte der Schweren Seltenen Erden stammt, die China weiterverarbeitet. Pandemiebedingt kamen die Rohstofflieferungen im Sommer zum Erliegen, was zu einem Anstieg der Seltenerdpreise führte. Erst Ende November lief der Export nach China wieder an. Auf die Preise dürfte sich dies nur kurzfristig auswirken, heißt es von Analystenseite, auch mit Blick auf den durch E-Mobilität und nachhaltige Energieerzeugung wachsenden Rohstoffeigenbedarf Chinas.

Zwei Prozent des Bundesgebietes für die Windenergie

Der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien war im deutschen Wahlkampf ein zentrales Thema. Die Forderungen der Grünen, dass zwei Prozent der Landesfläche für die Windenergie reserviert werden, fand letztlich auch ihren Weg in den Koalitionsvertrag. Schon 2030 sollen Wind, Solar und Co. 80 Prozent zum Strommix beitragen. Die neue Regierung hat damit ein straffes Programm vor sich, denn der Anteil regenerativer Energien ist im ablaufenden Jahr um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen und liegt bei 42 Prozent, wie Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigen.

Es stellt sich an dieser Stelle durchaus wieder die Frage, wie die Versorgung mit den für die Herstellung und den Betrieb der Anlagen notwendigen Ressourcen gesichert werden kann. Entsprechende Lücken müssten geschlossen werden, merkte im Dezember daher das ZSW an. Abhängig von der Bauart eines Windrads werden für den Bau 24,8 – 201,5 Kilogramm Neodym und 1,8 – 15 Kilogramm Dysprosium pro Megawatt benötigt. Hinzu kommen Silizium oder Tellur für Solarzellen. Die Mengen an sonstigen Metallen für die Konstruktionen und Leitungen sind dabei noch nicht eingerechnet.

Die Ware ist da, die Transportcontainer fehlen

Dass das Vorhandensein von Bauteilen oder fertigen Produkten allerdings noch nicht bedeutet, dass man die gewünschten Waren auch bekommt, führte die Logistikkrise eindrücklich vor Augen. Fehlende Frachtcontainer und verstopfte Häfen führten zu einem Dominoeffekt und leeren Warenhäusern. Besonders eindrücklich zeigte sich dies im März, als das Frachtschiff Ever Given für fast eine Woche den Suezkanal blockierte; mehrere hunderte Schiffe stauten sich. Die Containerkrise indes zog weiterhin ihre Kreise, als die neuralgische Verbindung längst wieder frei war. Gewarnt wurde zudem vor leeren Regalen zu Weihnachten, was sich bei der einen oder anderen Warengruppe auch bewahrheitete und den Handel im für ihn wichtigsten Quartal Umsatz kostete.

Belastbare Prognosen zu Normalisierung der Situation sind angesichts immer neuer Virusvarianten kaum möglich. Neue Anwendungsgebiete und Ansätze zur Diversifizierung der Lieferketten lassen aber zumindest auf ein ereignisreiches Jahr 2022 für die Rohstoffbranche schließen. Es bleibt spannend.

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in das neue Jahr, bleiben Sie gesund.

Ihre Redaktion von Rohstoff.net

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