Werden Europas Märkte durch die Krisen gestärkt?

von | 21. Mai 2024 - 08:14 | Kutzers Corner

Trotz der vielen (und aktuell schwerwiegenden) nationalen und globalen Sorgen empfehle ich langfristigen Anlegern unverändert Gelassenheit. Die auf Sachwerte konzentrierte Strategie kann beibehalten werden.

Niemand kann wissen, wie sich die Krisen und Kriege weiter entwickeln und wie lange sie dauern werden. Deshalb können die politischen Ereignisse von den Börsenanalysten nicht in konkrete Prognosen umgesetzt werden. Schon der Faktor Zeit – was kann in den nächsten Monaten geschehen? – verhindert einen klaren Blick nach vorn. Und so bleibt es dabei, dass die Börsen derzeit nicht die weltwirtschaftliche Realität widerspiegeln, sondern vor allem von der monetären Politik der Notenbanken getragen werden. Dies bestätigt die historische Erfahrung, dass vor allem die vorhandene anlagebereite Liquidität das Marktgeschehen beeinflusst.

Die Resilienz der Wirtschaft

Investoren sollten auch darüber nachdenken, wo die Widerstandskraft der Wirtschaft gegenüber schweren Belastungen im Umfeld am ehesten zum Rückgrat der Finanzmärkte werden dürfte. Deshalb fragt Edgar Walk, Chefvolkswirt Metzler Asset Management, zu Recht mit positiven Vorzeichen „Europa: Durch Krisen gestärkt?“ Finanzkrise, Brexit, Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Energiekrise und Inflation: Die Liste an Krisen der vergangenen Jahre ist lang. Europa befindet sich also in Dauerkrise. Dementsprechend ist es wenig verwunderlich, dass sich die Wirtschaft der Eurozone seitdem schlechter entwickelt hat.

Die Wirtschaftspolitik reagierte jedoch und machte laut Edgar Walk zumindest teilweise ihre Hausaufgaben. Gestützt durch die Hilfsmaßnahmen konnten viele Herausforderungen gemeistert werden. Die erkennbare Resilienz (= ein Lieblingswort der Politiker) der europäischen Wirtschaft, der Rückgang der Inflation und die damit verbundenen realen Lohnsteigerungen sowie die Erwartung von Leitzinssenkungen der EZB dürften Europa stärken.

Positive Signale aus der Wirtschaft

Aber auch die kurz- bis mittelfristige Erwartungshaltung der institutionellen Akteure hat sich in jüngster Zeit spürbar verbessert, was die entsprechenden Indikatoren bestätigen: Die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland steigen in der Umfrage vom Mai 2024 erneut an. Sie liegen mit plus 47,1 Punkten um 4,2 Punkte über dem Wert vom April. Die Einschätzung der aktuellen konjunkturellen Lage verbessert sich ebenfalls. Der Lageindikator steigt um 6,9 Punkte und liegt nun bei minus 72,3 Punkten. „Die Zuversicht steigt. Nachdem das deutsche Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2024 höher ausfiel als gemeinhin erwartet, steigen sowohl die Lageeinschätzung als auch die Konjunkturerwartungen. Es mehren sich somit die Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung. Dazu dürfte auch die verbesserte konjunkturelle Lageeinschätzung für den Euroraum im Ganzen sowie für den wichtigen Exportmarkt China beitragen“, kommentiert ZEW-Präsident Prof. Achim Wambach die aktuellen Ergebnisse.

Von „Sell in May“ nichts zu sehen

Dazu passt die jüngste Analyse von Hans-Jörg Naumer. Der Vordenker von Allianz Global Investors schreibt: „Die Stimmung steigt. Von ‚Sell in May‘ ist an den Kapitalmärkten nichts zu sehen. Die alte Börsenregel scheint einmal mehr keine Bestätigung zu finden. Hier und da wurden an den Aktienmärkten sogar neue Höchststände erreicht. Da passt es gut ins Bild, dass das auf Medienanalysen spezialisierte Unternehmen ‚Media Tenor‘ von einer steigenden Stimmung unter den Analysten mit Blick auf einige der großen Länder berichten kann.“ Zur Erhebung wurden Analysten-Zitate zur makroökonomischen Entwicklung aus den führenden Leitmedien erhoben und zu einem Index aggregiert.

Deutlicher Gewinner im Stimmungsbild ist Indien, gefolgt von Großbritannien. Aber auch Deutschland, die USA und China konnten über die letzten Monate zulegen, wenn es hier auch zum Teil zu divergierenden Entwicklungen zwischen der aktuellen Lagenbeurteilung und den Zukunftserwartungen kam.

Aktien haben noch Spielraum nach oben

Allerdings wurden auch die Konsensprognosen für die Inflation auf BIP-gewichteter Basis leicht angehoben. Das Umfeld für die Kapitalanlage bleibt damit herausfordernd. Die Lehren aus der Vergangenheit zeigen, dass risikoreiche Anlagen, insbesondere die Aktienmärkte, in den kommenden Monaten noch Spielraum für eine positive Entwicklung haben könnten, wenn es der Federal Reserve und anderen wichtigen Zentralbanken gelingt, eine sanfte Landung der Wirtschaft bei nachhaltig niedrigerer Inflation und einer lockeren Geldpolitik zu inszenieren. Jeder Fehltritt in diesen Bereichen, der zu einer Rezession, einem Wiederaufleben der Inflation und / oder anhaltenden geldpolitischen Restriktionen führt, könnte jedoch zu Enttäuschungen führen, die durch die hohen Bewertungen einiger Anlagegattungen noch verstärkt werden könnten.

Wichtige Preisdaten nach Pfingsten

In der neuen Woche sollten dabei vor allem Preisdaten Beachtung finden. Während für die japanische Wirtschaft die Verbraucherpreise (Freitag) eher auf ihre Beständigkeit abgeklopft werden sollten, die anzeigt, wie nachhaltig die Wirtschaft die Deflation verlassen hat, dürften die Erzeugerpreise für Deutschland auf ihren vorlaufenden Charakter für die Verbraucherpreisinflation untersucht werden. Am Mittwoch stehen dann die Verbraucherpreise (April) für das Vereinigte Königreich an. Am selben Tag werden die Protokolle zur jüngsten Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed veröffentlicht. Interessant wird, ob diese eine Zinsanhebung der Währungshüter ebenso deutlich ausschließen, wie das Fed-Chef Powell bei seiner Pressekonferenz im Anschluss an die Sitzung getan hat. Die Konjunkturdaten fokussieren sich auf die Einkaufsmanagerindizes, die für die Eurozone, Japan, die USA und Großbritannien (jeweils am Donnerstag) anstehen. Am Freitag folgen dann die Auftragseingänge für die USA.

Erwartet Naumer: „Es sieht nach einer Woche aus, in der die gute Stimmung Bestätigung findet.“

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