Was muss geschehen, um den Kapitalanlegern neuen Mut zu machen? Bis auf weiteres warten die Börsianer auf ein stabileres geopolitisches Umfeld.
Interessant ist dazu die Mehrheitsmeinung der Anlageprofis, wie die jüngste Monatsfrage der DVFA zeigt: Kriege, drohende Pandemien und insbesondere die erratische „Trump-2.0-Legislatur“ erschweren Politikern, Zentralbanken, Analysten und Investoren die Arbeit. Daher hat die DVFA ihre Mitglieder nach dem Einfluss der Geoökonomie auf den Analyse- und Investmentprozess gefragt. „Wir leben in einer Ära, in der politische Ereignisse zunehmend real- und finanzwirtschaftliche Schocks auslösen. Mess- und modellierbare Risiken mutieren zu fundamentaler Unsicherheit, wie es Frank Knight schon 1921 bei der Begriffsdifferenzierung von Risiko und Unsicherheit beschrieben hat“, kommentiert Ingo Mainert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DVFA, die jüngste Monatsfrage.
„Kurzbeinigkeit“ in Frage gestellt
Eine alte, in der Vergangenheit empirisch oft belegte Weisheit besagt, dass politische Börsen „kurze Beine“ haben, die Finanzmärkte also eher kurzfristig stark beeinflussen, nicht aber langfristig. Doch gilt dies auch heute noch angesichts einer Kette geopolitischer und geoökonomischer Ereignisse, die von vielen inzwischen als „Permakrise“ empfunden werden? Nebenbei: Ich wende mich in meinen Kommentaren schon seit Jahrzehnten gegen diese „Börsenweisheit“. Und die Umfrage der Finanzanalysten?
Mehr als die Hälfte der Antwortenden (55 %) hält die sprichwörtliche Regel weiterhin für wirksam. Doch jeder Dritte (34 %) zweifelt inzwischen an deren allgemeiner Gültigkeit, und jeder Zehnte (11 %) sieht sie sogar völlig außer Kraft gesetzt. Diese Teilnehmer wiesen in ihren Kommentaren darauf hin, dass je nach Art des Impulses geopolitische Entwicklungen und deren Spillover-Effekte die Finanzmärkte durchaus langfristig beeinflussen können.
Noch dominiert die Finanzanalyse den Investmentprozess
Wenn politische Ereignisse immer stärker auf Volkswirtschaft und Börsen ausstrahlen, stellt sich die Frage, inwieweit der professionelle Research- und Investmentprozess dieser Entwicklung Rechnung trägt. Immerhin fast die Hälfte (48 %) der Umfrageteilnehmer konzentriert sich weiterhin vorwiegend auf die Finanzanalyse. Dafür spricht, dass politische Rahmenbedingungen grundsätzlich alle Wirtschaftsprozesse beeinflussen und somit in Investmententscheidungen eingehen. Doch ein Drittel (34 %) gibt der politischen Analyse jetzt bewusst ein größeres Gewicht. Fast jeder Fünfte (18 %) wollte sich dagegen nicht festlegen, ob sich Research- und Investmentprozesse durch die politischen Ereignisse der letzten Jahre verändert haben.
Eigene politische Analysen weiter bevorzugt
Wie bei den klassischen Länderrisiken erfordert in einer immer komplexer werdenden Welt auch die breitere Analyse politischer Risiken und Unsicherheiten großen Ressourceneinsatz und langjährige Expertise. Dabei geht es insbesondere um die kontinuierliche Sammlung, Auswertung und Bewertung großer, nicht quantitativ vorliegender Informationsmengen. Daher sehen sich Finanzanalysten und Investoren gerade für politische Analysen regelmäßig vor die Entscheidung „Make or buy?“ gestellt.
Nahezu die Hälfte (49 %) der Umfrageteilnehmer analysiert politische Faktoren selbst und lässt externes Research somit nur indirekt in ihre Ergebnisse einfließen. Dagegen setzen 37 % auf ein Mischsystem intern erstellter und gezielt extern beschaffter Analysen. Nur jeder Zwanzigste (5 %) verlässt sich dabei ausschließlich auf Fremdbezug.
Donald Trump als größter Unsicherheitsfaktor
Grundsätzlich gibt es zahlreiche Quellen politischer Unsicherheit. Die Umfrage setzte den Schwerpunkt auf drei mögliche Ursachen politischer Risiken. Die Antworten ergaben das erwartbare Bild: 59 % entfielen auf „Trump 2.0“ sowie etwa gleich viel auf „Russland“ (21 %) und „China“ (20 %).
„So gravierende geoökonomische Ereignisse wie in letzter Zeit erfordern einen breiteren, umfassenderen Research- und Analyseansatz“, fasst Ingo Mainert die Ergebnisse zusammen. „Gerade weil die Haltbarkeitsdauer von Annahmen und Prognosen abgenommen hat, ist es richtig, darauf mit Vorsicht zu reagieren. Der Einkauf externer Expertise bei der Entscheidungsfindung nimmt bei der Analyse politischer Risiken tendenziell zu.“
Liquiditätsschwund treibt Märkte in die Gefahrenzone
Kein Zweifel, die Luft an den Finanzmärkten wird dünner: Sinkende Liquidität und geopolitische Unsicherheiten erhöhen den Druck auf Aktien- und Anleihenmärkte. Beat Thoma, Chief Investment Officer bei Fisch Asset Management, ordnet die aktuellen Entwicklungen ein und legt sein Augenmerk auf die strukturellen Treiber:
Die globale Finanzmarktliquidität verliert aktuell weiter an Momentum und sinkt sogar absolut. Das führt zu Gegenwind und höherer Volatilität an den Aktien- und Staatsanleihenmärkten. Diese Entwicklung wird zusätzlich durch die Unsicherheiten im Nahen Osten und erhöhte Energiepreise verstärkt. Allerdings dürfte es sich hierbei nur um ein temporäres Störfeuer handeln, während der Liquiditätsrückgang struktureller Natur ist.
Grund für die rückläufige Liquidität ist die verhältnismäßige Restriktivität verschiedener großer Zentralbanken – Fed, EZB, Bank of Japan, Bank of England. Sie reduzieren ihre Bilanzen, um die wieder aufflackernden Inflationstendenzen zu bekämpfen. Auch das seit Dezember laufende QE-/RMP-Programm der Fed ändert daran nichts. Nur China erhöht die Liquidität, welche aber vorwiegend in die Realwirtschaft fließt.
Auf dem Radar: Die Fed könnte die Kontrolle verlieren
Die globale Finanzmarktliquidität, das sind im Wesentlichen Zentralbankliquidität und die Repomärkte, nimmt derzeit markant ab. Gründe hier sind einerseits verhältnismäßig restriktive Zentralbanken. Trotz Zinssenkungen entziehen sie den Märkten nämlich über Bilanzreduktionen (QT-Programme) Liquidität. Damit soll der seit einiger Zeit wieder zunehmende Inflationsdruck vermindert werden. Andererseits wirkt auch eine deutlich erhöhte Volatilität an den Staatsanleihenmärkten liquiditätsmindernd. Für die Banken wird es dabei schwieriger, ihre Bestände an Staatsanleihen bei der Zentralbank als Deckung (Collateral) für Cash (Bankreserven) einzusetzen. Und auch der starke Dollar und die steigenden Erdölpreise wirken derzeit liquiditätsmindernd im globalen Finanzsystem.
Die deshalb nochmals höhere Volatilität bei den US-Staatsanleihen könnte dann eine gefährliche Rückkoppelung erzeugen, indem der «Yen-Carry-Trade» und der «Basis- Trade» aufgelöst werden. In diesem Fall würden große Positionen in US-Staatsanleihen von Hedge-Fondsinvestoren verkauft. Die gleichzeitig weiter massiv steigende Staatsverschuldung der USA führt zu zusätzlichem Angebot an Anleihen und damit zu noch mehr Zinsdruck.
Die Lage kann deshalb schnell außer Kontrolle geraten. Der Anstieg der Renditen für 2- jährige US-Staatsanleihen über die Fed-Funds-Renditen deutet bereits jetzt auf einen gewissen Kontrollverlust der US-Notenbank hin. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass der Zinsaufwärtsdruck auch in Europa und sogar in Deutschland spürbar ist. Allerdings bleibt im Moment alles unter Kontrolle. Und im Notfall wird die Fed wieder lockern und die «Capital Rules» im Bankensystem lockern.



