Anleger werden vergeblich nach ermutigenden Börsenprognosen fahnden. Die von dem Nahostkrieg ausgehenden Störungen der Weltwirtschaft drohen noch länger anzuhalten. Dazu lieferten prominente Analysten in der vergangenen Woche neue Einschätzungen und Verhaltensempfehlungen. Im Folgenden Auszüge aus einer Studie von Allianz Global Investors.
Unterbrechungen der Energieversorgung, der Produktion und der Infrastruktur im Nahen Osten – insbesondere rund um die Straße von Hormus – haben zu einer Verknappung des Angebots und einem Anstieg der Preise geführt. Angesichts des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten wird die Dauer der Störung entscheidend dafür sein, wie lange die Ölpreise erhöht bleiben. Das Timing ist entscheidend: Jeden Tag gehen Ölvorräte verloren, die Umleitungskapazitäten sind begrenzt und strategische Ölreserven können den Schock nur vorübergehend abfedern. In ihrem Basisszenario geht die AllianzGI davon aus, dass die Lage angespannt, aber beherrschbar bleibt, wobei eine anhaltende Unterbrechung das Hauptrisiko für Wachstum und Inflation darstellt.
Auswirkungen auf die Weltwirtschaft
Die Straße von Hormus bleibt eine zentrale Transportroute für Öl und Flüssigerdgas (LNG). Eine länger anhaltende Einschränkung würde das globale Angebot verknappen und den Preisdruck weiter erhöhen. Mit zunehmender Dauer des Konflikts steigt das Risiko von Schäden an kritischer Energieinfrastruktur, deren Ausfall die regionale Produktionskapazität längerfristig beeinträchtigen könnte.
Bei anhaltenden Störungen könnte sich das globale Angebot deutlich verknappen. Strategische Reserven, Nachfragerückgänge und Produktionsreaktionen anderer Anbieter wirken zwar stabilisierend – das Risiko nimmt jedoch mit der Dauer der Unterbrechung zu, nicht mit kurzfristigen Preisspitzen.
Der Konflikt im Nahen Osten hat die Ölpreise fast auf ihr Höchstniveau von 2022 getrieben, und anders als damals – als es um Russlands Invasion in der Ukraine ging – betrifft die aktuelle Krise einen größeren Teil der weltweiten Versorgung und führt zu komplexeren Belastungen in den Energieversorgungsketten.
Es gibt jedoch klare geopolitische Anreize für die wichtigsten Akteure, die Situation schnell zu stabilisieren und sicherzustellen, dass sie sich nicht zu einem anhaltenden Versorgungsschock entwickelt. Die großen Weltmächte, darunter die USA und China, haben angesichts der Folgen für Wachstum und Inflation ein starkes Interesse daran, eine dauerhafte Blockade der Energieflüsse zu verhindern. Die Produzenten im Nahen Osten, darunter auch der Iran, sind ebenfalls auf stabile Öleinnahmen angewiesen, sodass ein gemeinsames Interesse an einer schnellen Wiederherstellung der Exportwege besteht.
Um die Dynamik dieser Krise zu erfassen, identifizieren die Investment-Strategen vier Schlüsselbereiche, in denen die Belastungen am deutlichsten zu spüren sind:
Einschränkungen und durch den „Engpass von Hormus“
Die Straße von Hormus, die historisch als wichtigster Ölengpass der Welt gilt, wickelt etwa ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung ab, was etwa 20 Millionen Barrel pro Tag (mb/d) entspricht.
Die zentrale Herausforderung liegt im Fehlen tragfähiger Ausweichmöglichkeiten. Jüngsten Analystenberichten zufolge konnten durch die Bemühungen zur Umleitung von Lieferungen in der vergangenen Woche nur etwa 0,9 mb/d erfolgreich transportiert werden. Branchenexperten schätzen, dass selbst wenn alle verfügbaren Pipelines und alternativen Landwege (wie etwa diejenigen durch Saudi-Arabien zum Roten Meer) vollständig ausgelastet würden, sie nur 3–4 % des weltweiten Volumens transportieren könnten.
Strategischer Ölreserven
Als Gegenmaßnahme erwägt die internationale Gemeinschaft die Freigabe von Notfallölreserven. Nach den Standards der Internationalen Energieagentur (IEA) halten die meisten Länder Reserven für mehr als 90 Tage ihrer typischen Importe vor, während stark betroffene Länder wie China und Japan sogar noch größere Puffer vorhalten. Dennoch können strategische Reserven nur kurzfristige Schwankungen abfedern, wenn die Versorgungsunterbrechungen im Nahen Osten anhalten; sie bleiben ein sinnvolles, aber begrenztes Instrument. Und alle freigegebenen Barrel müssen irgendwann wieder aufgefüllt werden, was die zukünftige Nachfrage erhöht. Eine anhaltende Angebotsverknappung könnte die Gesamtinflation erhöht halten und eine Lockerung der Geldpolitik durch die Zentralbanken verzögern, auch wenn die zugrunde liegende Nachfrage in vielen Volkswirtschaften weiterhin robust bleibt. Die Auswirkungen auf die Aktienmärkte dürften uneinheitlich ausfallen: Während Energie-, Infrastruktur- und Verteidigungsunternehmen profitieren könnten, geraten energieintensive Branchen voraussichtlich durch steigende Kosten unter Druck.
Rohstoffe bleiben attraktiv
Allianz Global Investors sehen Rohstoffe im aktuellen Umfeld weiterhin als eine attraktive Anlageklasse, insbesondere Gold und Kupfer. Darüber hinaus seien Multi-Asset-Portfolios grundsätzlich positiv für globale Aktien, mit einer Präferenz für Europa, Japan und Schwellenländer – auch vor dem Hintergrund der durch den Konflikt erhöhten Risikoprämien. Im Anleihesegment bleibt Allianz GI positiv für britische Staatsanleihen (Gilts) sowie für Staatsanleihen der Eurozone, behält jedoch angesichts geopolitischer Risiken und Inflationsunsicherheiten eine hohe taktische Flexibilität bei. Am Devisenmarkt hat sich die Erwartung eines schwächeren US-Dollars durch die konfliktbedingte Stärke des Dollars als sicherer Hafen teilweise relativiert, weshalb sie auch hier taktisch flexibel bleiben.
Hohe Mittelzuflüsse in Energie-ETFs
Die internationalen Investmentstrategen von Morningstar stellen die Frage, ob man jetzt in Öl-ETFs investieren sollte. Der Iran-Konflikt hat die Ölpreise in den Fokus gerückt und hohe Mittelzuflüsse in Energie-ETFs und Rohstofffonds ausgelöst. Dies ist ihre Einschätzung:
Die Mittelzuflüsse in Ölprodukte sind stark gestiegen, da die Rally-Anleger anlockt. Dabei sind die kurzfristigen Ölpreise aufgrund des Iran-Kriegs stark angestiegen, während die länger laufende Kontrakte relativ stabil bleiben. Privatanleger sollten bedenken, dass der Versuch, den richtigen Zeitpunkt für einen Markteinstieg zu erwischen, riskant sein kann.



