Internationale Strategen setzen jetzt vor allem auf Märkte der Schwellenländer. Betont vorsichtige Anleger können weiter in Gold investieren.
„Was tun?“ werden sich viele von Ihnen, geschätzte Anleger, jetzt fragen. Die geopolitische Unsicherheit hat übers Wochenende dramatisch zugenommen. Die Auswirkungen des Iran-Kriegs sind nicht absehbar. Das gilt auch für die Börsen und andere Finanzmärkte. Deshalb macht es wenig Sinn, jetzt konkrete Anlageempfehlungen auszusprechen. Doch gibt es frühere Analysen, die auch unabhängig von den Ereignissen in Nahost Interesse verdienen.
Dazu zähle ich eine Studie von Naomi Waistell, Fondsmanagerin bei Carmignac, vorgelegt in der vergangenen Woche. Im Folgenden wesentliche Auszüge daraus. Thema: Während die USA weiterhin die Schlagzeilen dominieren, scheinen sie einen wichtigeren Kampf zu verlieren – den um die technologische Führungsrolle und die Gunst globaler Investoren, da die Märkte der Schwellenländer zu ernstzunehmenden Konkurrenten aufsteigen.
Im vergangenen Jahr hatten wir die bemerkenswerteste und koordinierteste Outperformance der Schwellenländermärkte gegenüber den Industrieländern seit 15 Jahren. Die starke Performance, die wir heute beobachten, unterscheidet sich jedoch deutlich von der rohstoffgetriebenen Rally der Vergangenheit. Angetrieben durch eine starke Kombination aus strukturellen Verbesserungen, zyklischem Rückenwind und thematischen Katalysatoren in einer Reihe von Ländern von Brasilien bis Südkorea deutet dies auf einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel hin. Die relative Schwäche der westlichen Märkte hat diese Dynamik weiter verstärkt.
Gründliche strukturelle Verbesserungen
Die Schwellenländermärkte haben eindeutig von mehreren bedeutenden strukturellen Verbesserungen profitiert, die ihre Resilienz gestärkt und sie zu einem attraktiveren Investitionsziel gemacht haben. Viele Schwellenländer haben ihre wirtschaftlichen Fundamentaldaten verbessert, indem sie die Inflation besser unter Kontrolle gebracht, ihre Leistungsbilanzpositionen gestärkt und ein robusteres Gewinnwachstum erzielt haben. Damit stellen sie die Annahme in Frage, dass sie immer eine höhere Risikoprämie tragen sollten. Zugleich haben umfangreiche Governance-Reformen – insbesondere in Ländern wie Korea – dazu beigetragen, dass Unternehmen ihre Renditen, Margen und Ausschüttungen an die Aktionäre verbessern können.
15 Jahre lang überschwemmten die Schwellenländer den Markt mit neuen Aktienemissionen, was zu einer Verwässerung des Gewinns je Aktie führte. Inzwischen beobachten wir jedoch eine Umkehr dieses Trends: Aktienrückkäufe in Verbindung mit Reformen steigern die Rentabilität und beflügeln die aktuelle Rallye. Dieser Fokus auf Effizienz und Aktionärsrenditen bringt sie auf eine Linie mit ihren Pendants in den Industrieländern und wird von versierten Anlegern aufmerksam beobachtet.
Zyklische Kräfte beflügeln die Erholung
Neben bedeutenden strukturellen Veränderungen wurden die Schwellenländermärkte durch eine Reihe starker konjunktureller Impulse beflügelt, die ihre jüngste Outperformance noch verstärken. Ein schwächerer US-Dollar entspannt die Finanzlage und stärkt die Schwellenländer-Währungen. Rohstoffpreise steigen wieder, diesmal aufgrund des durch KI getriebenen Booms bei Infrastrukturinvestitionen, was Exporteuren in Lateinamerika und Asien zugutekommt. In vielen Schwellenländern ist die Inflation bereits gesunken, sodass die Zentralbanken vor den Industrieländern Zinssenkungen vornehmen und das Wachstum ankurbeln können. Die Gewinnentwicklung hat sich verbessert, da sich die Schwellenländer früher und schneller erholt haben. Die Handelsströme zwischen den Schwellenländern haben sich dank der robusten Nachfrage aus China und der Ausweitung der Lieferketten verbessert.
Während Märkte wie Korea, Taiwan, Brasilien, Mexiko und Südafrika im Gleichklang zulegen und globale Investoren sich günstigeren, wachstumsstärkeren Regionen zuwenden, wirken diese zyklischen Kräfte nun zusammen und unterstützen die Anfangsphase eines Schwellenländer-Zyklus, der Beständigkeit verspricht.
Stimmungsumschwung aufgrund fundamentaler Faktoren
Der jüngste Ausverkauf von Technologieaktien in den Industrieländern hat uns deutlich vor Augen geführt, wie wichtig die Anlegerstimmung ist – und dass sie in beide Richtungen wirken kann. In etwas mehr als einem Jahr hat sich die Wahrnehmung Chinas grundlegend gewandelt: Noch vor etwa 18 Monaten galt das Land als nicht investitionswürdig und das Engagement globaler Investoren war gering bis nicht existent. Auch der Großteil der übrigen Schwellenländer wurde mit Vorsicht behandelt.
Im Januar 2026 erreichten die Zuflüsse in Schwellenländer nach einem sehr starken vierten Quartal 2025 einen Rekordwert, was die veränderte Stimmung, aber auch die zunehmende Beachtung der Bewertungsabschläge der Schwellenländer gegenüber dem US-Markt in Höhe von etwa 40 Prozent widerspiegelte. Dies erscheint uns als Anomalie, da Schwellenländer 40 Prozent zum globalen BIP und etwa 70 Prozent zum globalen Wachstum beitragen.
Von einfachen Herstellern zu Hightech-Marktführern
Auch die technologische Leistungsfähigkeit der Emerging Markets wird immer offensichtlicher. Während in der öffentlichen Wahrnehmung Innovation und Wertschöpfung nach wie vor mit den USA in Verbindung gebracht werden, sieht die Realität anders aus. Die Produktion von High-End-Halbleitern – die für KI von entscheidender Bedeutung sind – findet überwiegend in Taiwan und Südkorea statt, nur ein Beispiel für die Vorrangstellung der Schwellenländer im Bereich der Hochtechnologie.
In den letzten zehn Jahren haben sich die Schwellenländermärkte, insbesondere in Asien, still und leise zu einer globalen Hochburg für KI-Hardware entwickelt und stellen wichtige Komponenten her, von Chips bis hin zu Sensoren, die den KI-Boom erst möglich machen.
KI hat zwar zweifellos dazu beigetragen, die industriellen Fähigkeiten der Schwellenländermärkte ins Rampenlicht zu rücken, doch ist dies bei weitem nicht der einzige Sektor, in dem sie sich auszeichnen. Von Chinas Führungsrolle in der Solarstromerzeugung und im Automobilexport bis hin zu Taiwans Führungsrolle in der Herstellung fortschrittlicher chemischer und Verbundwerkstoffe für Hochleistungselektronik: Die Bandbreite der Bereiche, in denen gewisse Schwellenländer einen starken Wettbewerbsvorteil erlangt haben, lässt sich nicht auf einen einzigen Sektor reduzieren.
Aufgrund dieser großen Vielfalt an hochkarätigen Experten ist die Investition in Schwellenländer nicht mehr nur ein riskantes Spiel mit globalem Wachstum – es ist vielmehr die zunehmende Erkenntnis, dass dieser Markt an sich attraktiv, autark und äußerst wettbewerbsfähig ist.
Argumente für selektive Engagements
Auch wenn es zahlreiche Gründe für Optimismus hinsichtlich der Schwellenländer im Jahr 2026 gibt, handelt es sich um eine sehr differenzierte Anlageklasse, die von einer Vielzahl inländischer und internationaler Faktoren beeinflusst wird. Ein tiefgreifendes Verständnis der lokalen Dynamik und Zugang zu Informationen aus erster Hand vor Ort sind unerlässlich, um dort erfolgreich zu agieren. Die Innovationskraft, die Unternehmensrentabilität und die Aktionärsrenditen in Schwellenländern bessern sich, ebenso wie die Anlegerstimmung. Die mit der Entwicklungswelt verbundenen Risiken sind jedoch nicht verschwunden. Fazit von Carmignac: „Vor diesem Hintergrund befürworten wir nachdrücklich ein aktives Management mit gezielter Ausrichtung auf hochwertige Unternehmen anstelle einer breiten Indexpositionierung.“
Zu guter Letzt
Ich sehe doch ein paar Alternativen: Edelmetalle, Industriemetalle, Rohöl, japanische Aktien – und erst einmal nichts tun, bis sich die Geopolitik wieder entspannt.



