Die optimistische Grundstimmung hat sich an den Börsen in der ersten Woche des neuen Jahres fortgesetzt. Beiderseits des Atlantiks erreichten die Aktienkurse neue Höchststände.
In Frankfurt sahen sich die meisten Börsenprofis bestätigt und verwiesen dabei vor allem auf die günstige Markttechnik. Typisch die jüngste Analyse von Martin Utschneider: Der Dax arbeitet weiter am sogenannten Januar-Effekt. Der Effekt ist eines der Börsenphänomene, die jedes Jahr aufs Neue diskutiert werden: Die Annahme, dass Aktienkurse im Januar überdurchschnittlich gut performen. Gründe dafür reichen von neu investiertem Kapital zum Jahresanfang über steuerlich motivierte Verkäufe im Dezember bis hin zu frischem Optimismus nach dem Jahreswechsel.
Doch so verlockend die Idee auch ist, sie ist kein Naturgesetz. Historische Daten zeigen, dass der Effekt nicht in jedem Jahr auftritt und in manchen Marktphasen kaum messbar ist. Märkte reagieren heute schneller, globaler und datengetriebener als noch vor Jahrzehnten, was klassische Saisonalitäten abschwächen kann. Vielleicht liegt der wahre Wert des Januar-Effekts weniger in seiner Prognosekraft als in seiner psychologischen Komponente. Nicht der Kalender entscheidet über Rendite, sondern Disziplin, langfristiges Denken und ein gutes Risikomanagement. Bis dato hat sich der Dax im Jahr 2026 jedenfalls gut präsentiert und einen kurzfristigen Aufwärtsmodus etabliert.
Technische Signale bleiben auch 2026 der Kompass, schreibt Utschneider weiter. Die geopolitische Gesamtlage hat sich auch zu Beginn des neuen Jahres nicht verbessert. Zudem ist die weitere konjunkturelle Entwicklung mit Fragezeichen versehen. Daher bleibt auch 2026 die Analyse der chart- und markttechnischen Daten ein guter Kompass, um kurz-, mittel- und langfristig ein adäquates Risikomanagement (nach oben wie nach unten) zu betreiben.
Disziplin und Diversifikation
Ähnliche Töne schlägt auch Allianz Global Investors an: Mit dem Jahreswechsel kommen sie wieder: die guten Vorsätze. Mehr Bewegung, weniger Kalorien, insgesamt bewusster leben. Was für unsere Gesundheit gilt, lässt sich auch auf den Kapitalmarkt übertragen. Wer 2026 erfolgreich investieren will, sollte nicht auf kurzfristige Impulse und Trends setzen, sondern auf einen disziplinierten und breit diversifizierten Ansatz.
Ein disziplinierter Blick auf die globale konjunkturelle Großwetterlage lässt Weltwirtschaftswachstum in der Nähe der Normalauslastung (des Potentials) erkennen. Dies gilt insbesondere auch für die dominierende Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten. Für die Eurozone und Japan besteht die Hoffnung auf Wachstum etwas über Potential, vor allem getrieben durch expansive Fiskalpolitik. China dürfte den Trend einer schrittweise geringeren Wachstumsdynamik fortsetzen, auch wenn zu Jahresbeginn wieder eine etwas stärkere Stimulierung der Wirtschaft verglichen mit den letzten Monaten erwartbar ist.
Diese Großwetterlage könnte für Anleger die Basis für positives Gewinnwachstum bei den Unternehmen und für das Ernten der Risikoprämien auch im gerade begonnenen Jahr bilden. Anleger haben sich in den letzten Jahren an ein höheres Unsicherheitsniveau gewöhnen müssen. Auch wenn weiter ein hohes Level an politischer Unsicherheit besteht, bleibt Hoffnung, dass sich Unsicherheiten in der Zoll- und Handelspolitik und der Geopolitik zurückbilden könnten, auch wenn die Situation in Venezuela zum Jahresanfang zunächst nicht darauf hindeutet.
Versorger rein, Öl und Gas raus
Auffallend ist im positiven Gesamtbild, dass sich die Aktien (ähnlich wie Ende 2025) weiter uneinheitlich entwickeln. Ein Beispiel: Versorgungsunternehmen profitieren von einer Trendwende bei der Stromnachfrage, von einer verbesserten Ertragsdynamik und von soliden Aussichten für erneuerbare Energien. Der Öl- und Gassektor hingegen weist Abwärtsrisiken auf, analysiert Mathieu Racheter, Head of Equity Strategy Research bei Julius Bär. Er liefert dazu detaillierte Ansichten, hier Auszüge:
Wir haben unsere Sektorstrategie angepasst, indem wir Versorgungsunternehmen auf „neutral“ hochgestuft und Öl und Gas auf „untergewichtet“ herabgestuft haben. Nach zwei Jahrzehnten stagnierender und sinkender Stromnachfrage in den USA und Europa profitieren Versorgungsunternehmen nun von neuem Nachfragewachstum. Treiber sind der Stromverbrauch von Rechenzentren und die zunehmende Elektrifizierung der Wirtschaft.
Die Aussichten für erneuerbare Energien bleiben in Europa und den USA solide. Nach viel Drama um Donald Trumps Abneigung gegen erneuerbare Energien bleibt das US-Steuersenkungsprogramm bis 2030 weitgehend unverändert. Der Strombedarf steigt, und die dafür nötige Angebotssteigerung hängt nach wie vor in erster Linie vom Ausbau der Wind-, Solar- und Batteriekapazitäten ab.
Die Bewertungen des Versorgungssektors sind im historischen Vergleich sowohl absolut als auch relativ gesehen nicht mehr günstig. Wir sehen bessere Chancen im Gesundheitswesen unter den weniger konjunkturabhängigen Sektoren und glauben, dass die starken Fundamentaldaten zunehmend eine neutralere Haltung gegenüber Versorgungsunternehmen rechtfertigen, heißt es in der Bär-Analyse.
Im Gegensatz dazu werden Öl und Gas auf „Untergewichten” herabgestuft, da das Risiko-Ertrags-Verhältnis weniger attraktiv geworden ist. Die Banker gehen davon aus, dass die Ölpreise wahrscheinlich niedrig bleiben werden. In den nächsten Monaten bestehen weitere Abwärtsrisiken, da sich das Überangebot bis 2026 weiter ausweiten wird. Die jüngsten Nachrichten aus Venezuela üben langfristig weiteren Abwärtsdruck auf die Ölpreise aus.
Darüber hinaus hat sich der Öl- und Gassektor in den 12 Monaten nach einem Zinssenkungszyklus der US-Notenbank historisch gesehen selbst abseits von Rezessionsphasen unterdurchschnittlich entwickelt. Zwar kann der Sektor im Falle erneuter geopolitischer Spannungen, insbesondere im Nahen Osten, weiterhin Diversifizierungsvorteile bieten. Bär sieht allerdings bessere Chancen in anderen Bereichen des Rohstoffsektors und bevorzugt weiterhin Bergbauunternehmen gegenüber Öl- und Gasunternehmen.



