Der Reformstau bleibt und die Börse ist gelassen. Das galt für den Jahresverlauf 2025 – und im neuen Jahr? Ich befürchte, kurzfristig denkende Anleger können sich 2026 nicht einfach zurücklehnen. Vorsichtige Investmentmanager mahnen zu Recht.
Die schwarz-rote Koalition hat langsam, aber sicher das erste Jahr ihrer Regentschaft hinter sich gebracht, und über die Erfolgsbilanz der Regierung, die sicher mehr Zweckgemeinschaft als Liebesheirat ist, kann schon jetzt diskutiert werden. Relativ klar sind dabei zwei Dinge, wie Roger Peters in einer Analyse schreibt: Die wirtschaftliche Lage mit einer bereits historisch langen Rezession ist hoch problematisch, während Reformen weiterhin höchst zögerlich angepackt werden. Echte und nachhaltige Senkungen von Steuern, Abgaben und Abbau von Bürokratie wären dringend geboten, stattdessen werden teure Wahlversprechen an die Kernwählerschaft eingelöst.
Allein das wochenlange Hickhack um die Rentengrenzen in den kommenden Jahren offenbarte eine sehr große Ignoranz der Politik vor der Tragweite der demographischen Schieflage einerseits und der Belastungsfähigkeit von Unternehmen und Arbeitnehmern auf der anderen Seite. Es war ein wochenlanges Drama, in dem der klare Rat der Experten von Politik und auch weiten Teilen (insbesondere) der staatlichen Medien mehr oder weniger ignoriert wurde. Am Ende war die Koalition als Konstrukt stabil und das beschlossene Ergebnis eine weitere deutliche Belastung für die Jugend und die Wirtschaft. Der Reformstau löste sich auch hier nicht auf.
Die Folgen der Schuldenpolitik
Die Konsequenzen dieser Politik werden 2026 möglicherweise durch das große schuldenfinanzierte Infrastruktur- und Rüstungspaket übertüncht. Aber hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ändert sich ohne die bereits ausgeführten Reformen sicherlich nichts, zumal der internationale Wettbewerb insbesondere aus Fernost sich dramatisch intensiviert hat, was deutsche und europäische Firmen schon unabhängig von der Politik unter Druck setzt. Wenn die Politik nicht oder viel zu zögerlich handelt, und diesen Eindruck kann man am Ende des Jahres 2025 sicher nicht abstreifen, dann handeln andere.
Es ist nämlich durchaus zu befürchten, dass weiter Wertschöpfung ins Ausland verlagert wird. Seit Jahren lässt sich deutlich beobachten und objektiv etwa an den aggregierten Investitionsströmen messen, dass erhebliche Produktionskapazitäten ins Ausland verlagert werden. Das betrifft vor allen Dingen klassische Industrien wie Chemie und Maschinenbau. Bei Automobilen und Zulieferern ist es oftmals schon keine Verlagerung mehr, sondern eine ersatzlose Einstellung von Kapazitäten.
Die Standort-Thematik wird uns also erhalten bleiben. Als Staatsbürger muss man dies befürchten. Und als Anleger? Tatsächlich nicht, schreiben mir Börsenexperten zum Jahreswechsel. „Deutsche Aktien“ sind schon jetzt eher Anteile an multinationalen Konzernen mit Firmenstammsitz in Deutschland. Die Abkopplung der wesentlichen deutschen Aktienindizes von der trüben wirtschaftlichen Lage der Nation, die wir bereits seit Jahren sehen, ist komplett rational. Weitere Verlagerungen in günstigere und wirtschaftsfreundlichere Regionen sind oftmals sogar werttreibend aus Sicht des Anlegers.
Unternehmen rechnen mit schlechteren Geschäften
Und die Prognosen? Rund 26 Prozent der deutschen Unternehmen erwarten 2026 eine Verschlechterung ihrer Geschäfte. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Ifo Instituts. 59 Prozent der befragten Unternehmen rechnen damit, dass sich ihre wirtschaftliche Lage im neuen Jahr nicht verändern wird. Nur 14,9 Prozent hoffen auf eine Verbesserung. „Die Unternehmen bleiben sehr zurückhaltend – von Aufbruchstimmung ist weit und breit nichts zu sehen“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo Umfragen. „Wirklich optimistisch blickt kaum eine Branche auf 2026.“
Die Skepsis erstreckt sich über alle Wirtschaftsbereiche. Industrieunternehmen erwarten zu 55,3 Prozent 2026 eine unveränderte Lage, 26,5 Prozent rechnen mit schlechteren Geschäften, 18,2 Prozent mit einer Verbesserung. Positiv fällt der Bereich der elektrischen Ausrüstungen auf, wo der Anteil der optimistischen Unternehmen (27,1 Prozent) den der pessimistischen Unternehmen (12,7 Prozent) übertrifft.
Bei den Dienstleistungsunternehmen zeigt sich ein ähnliches Bild. Hier erwarten 62,8 Prozent eine stabile Lage, 23,2 Prozent eine ungünstige Entwicklung, 14 Prozent hoffen auf eine Verbesserung. Besonders viele pessimistische Einschätzungen kommen aus dem Handel. Hier erwarten 32,5 Prozent eine Verschlechterung.
Auch im Baugewerbe ist der Ausblick verhalten. 33,2 Prozent der Betriebe rechnen mit einer ungünstigeren Lage, 56,5 Prozent erwarten 2026 keine Veränderung und nur 10,3 Prozent hoffen auf bessere Geschäfte. „Die Zahlen sind insofern überraschend, als die Branche eigentlich auf das angekündigte Infrastrukturpaket hoffen könnte. Euphorie scheint dies noch nicht auszulösen“, sagt Wohlrabe.
Folgen der Steuersenkung in der Gastronomie
Dass einzelne Maßnahmen für die Branchenkonjunktur positiv erscheinen, insgesamt aber folgenschwer sein können, beschreibt ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann zur Mehrwertsteuer in der Gastronomie: „Senkung ist fiskalpolitisch verantwortungslos“. Die zentralen Argumente, die angeblich für dieses Gastronomie-Privileg sprechen, seien seit langem widerlegt.
Weiter schreibt der ZEW-Professor: Die Steuersenkung ist sozialpolitisch kontraproduktiv. Reichere Haushalte haben deutlich mehr davon als ärmere. Die Absenkung ist struktur- und arbeitsmarktpolitisch nicht gerechtfertigt, weil viele andere Branchen in Deutschland ebenfalls mit erheblichen Rentabilitätsproblemen und Arbeitskräftemangel zu kämpfen haben. Sie ist ordnungspolitisch verfehlt, weil man Strukturwandel nicht mit Subventionen bekämpfen kann. Und das Argument, dass deutsche Restaurants einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Restaurants in anderen Ländern mit Steuerbegünstigung hätten, trägt nicht. Restaurants bieten eine lokale Dienstleistung, die nicht im Wettbewerb mit Angeboten in großer Entfernung steht.
Die hohen und über die Jahre weiter wachsenden Steuerausfälle begrenzen den Spielraum der Länder für Investitionen in Bildung, Digitalisierung und die Energietransformation. Auch ist leicht vorhersehbar, dass sich jetzt weitere Branchen und Produktgruppen einreihen werden in den Ruf nach neuen Steuersubventionen. Die Mehrwertsteuersenkung für die Restaurants ist ein Beleg für die Macht von Interessengruppen.
Zu guter Letzt
Wenn in den nächsten Tagen und Wochen von politischen Problemen für die Börsen die Rede sein sollte, dann muss dies nicht immer nur die Geopolitik betreffen (Ukrainekrieg, Putin und Trump), sondern kann auch von innenpolitischen Entwicklungen herrühren. Ich empfehle also – speziell betont kurzfristigen Privatanlegern – vorläufig mit strategischen Veränderungen ihres Portfolios abzuwarten.



